Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer Freundin über Propheten unterhalten. Sie sagte, dass sie mit unseren heutigen Propheten manchmal Schwierigkeiten hat. Denn wenn sie an Propheten aus der Bibel denkt, denkt sie an Menschen wie Noach. Er wusste, dass die Flut kommen würde, und warnte die Menschen.

Aber wann hat unser heutiger Prophet das letzte Mal vor einem Erdbeben, einem Krieg, politischen Umstürzen, Finanzkrisen oder Krankheiten gewarnt?

Ich konnte die Frage verstehen. Gleichzeitig dachte ich: Stimmt das überhaupt? Prophezeien heutige Propheten wirklich weniger? Oder haben wir vielleicht eine falsche Vorstellung davon, was Propheten früher hauptsächlich machten?

Wurden früher wirklich alle Menschen gewarnt?

Wenn ich an Propheten in der Bibel denke, fallen mir zuerst die großen Geschichten ein: Noach und die Flut. Mose und die Plagen in Ägypten. Jona, der Ninive vor der Zerstörung warnte.

Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass Propheten früher ständig wussten, welche Katastrophe als Nächstes kommen würde. Gläubige und gehorsame Menschen konnten scheinbar von nichts überrascht werden.

Aber stimmt dieser Eindruck wirklich?

Ich war neugierig und habe deshalb nachgeschaut, was zu biblischen Zeiten sonst noch geschah. Dabei ist mir etwas Interessantes aufgefallen: Damals gab es viele große Katastrophen, von denen die Bibel gar nichts erzählt.

Ein Bild (AI) von Mose mit den Tafeln, welche die 10 Gebote beinhalten.

Eine Krise, vor der niemand gewarnt wurde

Ein Beispiel ist das Ende der sogenannten Bronzezeit, ungefähr 1200 Jahre vor der Geburt Jesu – zeitlich etwa die Epoche von Mose, Josua und den Richtern, als sich Israel gerade im Land Kanaan niederließ. Damals brach in der Region rund um das Mittelmeer vieles zusammen: Das Hethiterreich in Anatolien zerfiel, das mykenische Griechenland verlor seine Bedeutung, und auch Städte im syrisch-palästinischen Raum wurden zerstört. Handelswege funktionierten nicht mehr, manche Gebiete litten unter schweren Dürren und schlechten Ernten.

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Stadt Ugarit, an der Küste des heutigen Syriens – nicht weit von Israel entfernt. Die Menschen dort lebten in einer ähnlichen kulturellen Welt wie die Menschen des Alten Testaments; ihre Sprache war mit dem Hebräischen verwandt, und in ihren Texten tauchen sogar Namen wie El und Baal auf. Ungefähr 1200 v. Chr. wurde Ugarit zerstört und nie wieder so aufgebaut, wie es vorher gewesen war.

Für die Menschen in dieser Region war das eine gewaltige Katastrophe. Trotzdem berichtet die Bibel weder von einer Warnung noch von einem Propheten, der die Menschen dort darauf vorbereitete. Das ist kein Beweis, dass niemand gewarnt wurde – aber es zeigt: Die Bibel erwähnt nicht jede Katastrophe in der Umgebung Israels, und wir können nicht davon ausgehen, dass früher vor jedem Unglück gewarnt wurde.

Vielleicht waren die Propheten der Bibel also gar nicht dafür zuständig, jedes Volk vor jeder Katastrophe zu warnen. Die meisten hatten einen bestimmten Auftrag für eine bestimmte Zeit und ein bestimmtes Volk. Aber warum lesen wir dann überhaupt von Warnungen wie der vor der Flut oder der Zerstörung Ninives? Warum wurden ausgerechnet diese Teil der Bibel, während andere große Katastrophen gar nicht erwähnt werden?

Dann fiel mir etwas auf

Als ich die Geschichten der Bibel unter diesem Gesichtspunkt betrachtete, fragte ich mich plötzlich etwas anderes: Warum haben wir die Bibel eigentlich? Was wäre deine Antwort? Meine erste war: damit wir Gott kennenlernen.

Die Bibel ist keine vollständige Chronik ihrer Zeit. Sonst müsste eine bedeutende Stadt wie Ugarit darin vorkommen, und viele andere historische Ereignisse dazu. Stattdessen enthält sie ausgewählte Geschichten, durch die wir erfahren, wer Gott ist, wie er mit Menschen umgeht und was es bedeutet, ihm zu vertrauen.

Die Geschichte von Noach erzählt nicht nur, dass eine Flut kam. Sie zeigt einen Gott, der die Menschen warnt, ihnen Zeit zum Handeln gibt und einen Weg zur Rettung eröffnet.

Bei Jona wird es noch deutlicher. Er kündigte die Zerstörung Ninives an – aber am Ende wurde die Stadt gar nicht zerstört. Die Menschen nahmen die Warnung ernst, kehrten um, und Gott verschonte sie. Wenn es bei einem Propheten hauptsächlich darum ginge, die Zukunft richtig vorherzusagen, wäre Jonas Ankündigung eine nicht eingetroffene Prophezeiung. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Die Warnung erfüllte ihren Zweck, weil die Menschen sich änderten und die Katastrophe ausblieb.

In diesen Geschichten steht also nicht die Katastrophe im Mittelpunkt, sondern Gott. Wir erfahren, dass er Menschen warnt, weil sie ihm nicht gleichgültig sind. Dass er ihnen die Möglichkeit gibt, umzukehren. Dass er rettet, vergibt und seine Versprechen hält. Die angekündigte Katastrophe gehört zur Geschichte – aber sie ist nicht der eigentliche Grund, warum wir sie heute noch lesen.

In der Bibel geht es vor allem darum, dass Gott sich ein Bundesvolk aufbaute. Er zeigt den Menschen, wer er ist, was er von ihnen erwartet und warum es sich lohnt, Bündnisse mit ihm einzugehen und ihnen treu zu bleiben. So wie die Bibel das schildert, geschah dies damals zum ersten Mal.

Wir aber leben heute in einer anderen Zeit. Gott hat sein Bundesvolk bereits aufgebaut; wir kennen die Bedingungen und unsere Rolle darin, dank der Bibel und anderer Aufzeichnungen. Wir fangen nicht wieder ganz am Anfang an. So wie die Menschen damals wussten, dass sich alles in einem Messias erfüllen wird, wissen wir das auch – und wissen sogar noch mehr: von Jesus Christus, der bereits vor 2000 Jahren sein Sühnopfer wirkte, und vom Erlösungsplan, durch den wir eines Tages zu unserem liebenden Vater zurückkommen können.

Gott baut noch immer sein Bundesvolk auf, aber der Fokus ist heute ein anderer: Es geht darum, dieses Volk ein letztes Mal auf der ganzen Welt zu sammeln und uns auf das Zweite Kommen Jesu Christi vorzubereiten.

Plötzlich erschien mir meine ursprüngliche Erwartung zu klein. Ich hatte nach einer Warnung vor dem nächsten Erdbeben, Krieg oder einer anderen Katastrophe gesucht. Aber heutige Propheten sollen uns auf etwas vorbereiten, das weit über ein einzelnes Ereignis hinausgeht: Wir sollen so leben, dass wir dem Zweiten Kommen Jesu Christi geistig vorbereitet entgegensehen können. Dafür reicht es nicht, wenn ein Prophet uns sagt, wo als Nächstes etwas Schlimmes geschieht. Wir müssen Gott selbst kennen, Bündnisse mit ihm schließen und halten, Jesus Christus vertrauen und lernen, wie der Heilige Geist zu uns spricht.

Zu sehen sind übereinander liegende  Bibel und eine Dreierkombination (Buch Mormon, Lehre und Bündnisse, Köstliche Perle). Oben drauf liegt eine Brille, im Hintergrund ist ein Christusbild.
Foto: Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Prophezeien heutige Propheten also wirklich nicht mehr?

Bei dieser Frage musste ich an etwas denken, das Präsident Russell M. Nelson immer wieder betont hat. Er forderte uns auf, unsere Fähigkeit zu vergrößern, persönliche Offenbarung zu empfangen. Gleichzeitig warnte er davor, dass wir in den kommenden Tagen ohne den führenden und beständigen Einfluss des Heiligen Geistes geistig nicht überleben könnten.

Und plötzlich hörte ich diese Worte anders. Das ist eine Warnung. Und sie sagt sogar etwas über die Zukunft voraus.

Präsident Nelson nannte kein Datum und keinen Ort. Er sagte nicht, welches Erdbeben, welcher Krieg oder welche Krankheit als Nächstes kommen würde. Aber er sagte sehr deutlich, dass schwierige Zeiten vor uns liegen und dass unser bisheriges geistiges Fundament dafür nicht ausreichen wird. Wir müssen lernen, selbst Offenbarung zu empfangen und Jesus Christus zu hören.

Diese Warnung bereitet uns nicht nur auf eine einzelne Katastrophe vor. Sie bereitet uns auf eine Zeit vor, in der wir Gott selbst kennen und seiner Führung vertrauen müssen. Genau das braucht ein Bundesvolk, das auf das Zweite Kommen Jesu Christi vorbereitet wird.

Vielleicht ist das sogar die umfassendere Warnung. Sie gilt nicht nur für Menschen in einer bestimmten Stadt oder einem bestimmten Land, sondern für Menschen auf der ganzen Welt. Und sie verfolgt dasselbe Ziel wie die Warnungen in der Bibel: Menschen sollen sich Gott zuwenden, auf ihn hören und bereit sein, ihm zu folgen.

Ein offizielles Foto der Ersten Präsidentschaft der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.
Die Erste Präsidentschaft (von links: Henry B. Eyring, Dallin H. Oaks, D. Todd Christofferson) | Foto: Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Was denkst du? Prophezeien heutige Propheten also noch? Ich glaube ja.

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