Am 27. Juni 1844 wurden Joseph Smith und sein Bruder Hyrum im Gefängnis von Carthage im US-Bundesstaat Illinois getötet. Ein bewaffneter Mob stürmte das Gebäude und eröffnete das Feuer.

Doch wie konnte es so weit kommen? Die Ermordung von Joseph Smith war kein plötzlicher Gewaltausbruch. Schon lange vorher hatten sich die Konflikte rund um die Kirche und die Stadt Nauvoo zugespitzt. Dabei ging es nicht nur um Religion. Auch politische Macht, wirtschaftliche Interessen und persönliche Feindschaften spielten eine Rolle.

Gegner von Joseph Smith schließen sich zusammen

Im Frühjahr 1844 wandten sich einige frühere Mitglieder der Kirche offen gegen Joseph Smith. Zu ihnen gehörten William und Wilson Law, Robert und Charles Foster sowie Francis und Chauncey Higbee. Sie arbeiteten mit bekannten Gegnern der Kirche zusammen. Einer von ihnen war Thomas Sharp, der Herausgeber der Zeitung Warsaw Signal.

Joseph Smith erhielt Berichte, nach denen einige dieser Männer nicht nur seinen Einfluss brechen, sondern ihn und seine Familie beseitigen wollten. Es gab konkrete Drohungen und Hinweise auf gemeinsame Pläne. Wie groß diese Verschwörung tatsächlich war und wer von einem geplanten Mord wusste, lässt sich heute jedoch nicht vollständig klären.

Sicher ist: Josephs Gegner wollten ihn aus Nauvoo herausbringen. In der Stadt war er von vielen Mitgliedern der Kirche umgeben. In Carthage, dem Verwaltungssitz des Landkreises, war er deutlich weniger geschützt.

Eine Zeugenaussage berichtete später sogar von zahlreichen vorbereiteten Anklagen. Falls eine davon scheiterte, sollte angeblich die nächste folgen. Ob dieser Plan wirklich in allen Einzelheiten bestand, ist nicht sicher. Die Ereignisse zeigen aber, dass Josephs Gegner das Rechtssystem gezielt nutzten, um gegen ihn vorzugehen.

Der Nauvoo Expositor verschärft den Konflikt

Am 7. Juni 1844 erschien die erste und einzige Ausgabe des Nauvoo Expositor. Die Herausgeber griffen Joseph Smith und andere Führer der Kirche scharf an. Sie kritisierten unter anderem die Vielehe, Josephs Lehren und die Verbindung von religiöser und politischer Macht in Nauvoo.

Der Stadtrat befürchtete, dass die Zeitung die ohnehin angespannte Stimmung weiter anheizen und einen Angriff auf die Stadt auslösen könnte. Er erklärte sie deshalb zu einem öffentlichen Ärgernis. Joseph Smith ordnete als Bürgermeister an, die Druckerpresse, das Druckmaterial und die vorhandenen Zeitungsausgaben zu zerstören. 

Die Mitglieder des Stadtrats beriefen sich dabei auf damalige Rechtsvorstellungen über öffentliche Ärgernisse. Ob sie auch das Recht hatten, die Druckerpresse zu zerstören, ist jedoch umstritten. Rechtshistoriker gehen überwiegend davon aus, dass die Stadt damit ihre Befugnisse überschritt.

Josephs Gegner nutzten den Vorfall sofort, um eine Anklage wegen Aufruhrs zu erwirken.

Joseph ließ seine erste Verhaftung durch das Stadtgericht von Nauvoo überprüfen und wurde aus dem Gewahrsam entlassen. Wenige Tage später bestätigte Friedensrichter Daniel H. Wells nach einer weiteren Anhörung seine Freilassung. Dabei handelte es sich jedoch nicht um Freisprüche nach einem regulären Gerichtsverfahren.

Für die Gegner der Kirche wirkten diese Entscheidungen vielmehr wie ein weiterer Beweis dafür, dass Joseph sich mithilfe der Gerichte Nauvoos der Justiz in Carthage entzog.

Nauvoo bereitet sich auf einen Angriff vor

Nach der Zerstörung der Druckerpresse verschärfte sich die Lage schnell. Thomas Sharp rief öffentlich zum bewaffneten Widerstand gegen Nauvoo auf. Gleichzeitig erreichten Joseph Smith Berichte über Männer, die sich für einen Angriff auf die Stadt sammelten.

Joseph befürchtete, dass sich die Gewalt früherer Jahre wiederholen könnte. Die Mitglieder der Kirche waren bereits aus Ohio und Missouri vertrieben worden. In Missouri hatte Gouverneur Lilburn Boggs 1838 sogar angeordnet, die Mitglieder der Kirche aus dem Staat zu vertreiben oder „auszurotten“.

Vor diesem Hintergrund mobilisierte Joseph die Nauvoo-Legion und verhängte am 18. Juni 1844 das Kriegsrecht. Er wollte die Einwohner Nauvoos schützen. Doch diese Entscheidung gab seinen Gegnern die Möglichkeit, eine noch schwerere Anklage zu erheben: Hochverrat gegen den Bundesstaat Illinois.

Warum wurde Joseph Smith als Bedrohung gesehen?

Religiöse Unterschiede allein erklären die Ermordung von Joseph Smith nicht. Mehrere Entwicklungen kamen zusammen und sorgten dafür, dass die Angst vor ihm und den Mitgliedern der Kirche immer größer wurde.

Nauvoo gewann politischen Einfluss

Nauvoo war innerhalb weniger Jahre zu einer der größten Städte in Illinois geworden. Die Mitglieder der Kirche stimmten bei Wahlen häufig ähnlich ab. Dadurch konnten sie das politische Kräfteverhältnis in der Region beeinflussen.

Viele Menschen außerhalb Nauvoos befürchteten, dass die Mitglieder der Kirche künftig über Wahlen und politische Entscheidungen bestimmen könnten.

Joseph Smith hatte mehrere wichtige Ämter

Joseph Smith war Präsident der Kirche, Bürgermeister von Nauvoo und Generalleutnant der Nauvoo-Legion. 1844 kandidierte er außerdem für das Amt des US-Präsidenten.

Diese ungewöhnliche Verbindung von religiösem, politischem und militärischem Einfluss machte vielen seiner Gegner Angst. Sie glaubten, dass Joseph und die Stadt Nauvoo zu mächtig wurden.

Der Erfolg Nauvoos führte zu Konkurrenz

Das schnelle Wachstum der Stadt hatte auch wirtschaftliche Folgen. Händler, Handwerker und Unternehmen siedelten sich in Nauvoo an. Dadurch entstand Konkurrenz zu benachbarten Orten wie Warsaw.

Religiöse Vorurteile vermischten sich mit politischen Ängsten, persönlichen Konflikten und wirtschaftlichen Interessen.

Die Vielehe sorgte für Empörung

Auch die Vielehe spielte eine wichtige Rolle. Joseph Smith hatte sie zunächst nur im kleinen Kreis eingeführt. Als frühere Vertraute damit an die Öffentlichkeit gingen, verstärkte das die Ablehnung gegen ihn.

Für manche Gegner war Joseph deshalb nicht mehr nur ein religiöser Führer, dessen Ansichten sie ablehnten. Sie sahen in ihm eine Gefahr für ihre Gesellschaft und ihre politische Ordnung.

Joseph und Hyrum gehen nach Carthage

Joseph Smith hatte Nauvoo zunächst verlassen und den Mississippi überquert. Als ihm vorgeworfen wurde, seine Stadt und die Mitglieder der Kirche im Stich zu lassen, kehrte er zurück.

Er erklärte sich bereit, nach Carthage zu gehen und sich den Behörden zu stellen. Gouverneur Thomas Ford versprach ihm Schutz. Joseph soll auf dem Weg dorthin gesagt haben:

„Ich gehe wie ein Lamm zur Schlachtbank; aber ich bin ruhig wie ein Sommermorgen.“

Am 25. Juni stellten Joseph, Hyrum und weitere Mitglieder des Stadtrats sich den Behörden. Im Verfahren wegen Aufruhrs durften sie gegen Kaution auf freien Fuß kommen.

Noch am selben Tag wurden Joseph und Hyrum jedoch zusätzlich wegen Hochverrats festgenommen. Der Vorwurf hing vor allem mit der Mobilisierung der Nauvoo-Legion und der Verhängung des Kriegsrechts zusammen. Da die Hochverratsanklage keine Freilassung gegen Kaution erlaubte, wurden die Brüder in das Gefängnis von Carthage gebracht.

Zu einem Prozess kam es nicht mehr.

Das Versprechen des Gouverneurs schützt sie nicht

Gouverneur Ford verlangte, dass die Nauvoo-Legion ihre staatlich ausgegebenen Waffen abgab. Gleichzeitig ließ er Joseph und Hyrum von den Carthage Greys bewachen – einer Milizeinheit, die als ausgesprochen feindlich gegenüber der Kirche galt.

Ford wusste, dass Joseph bedroht wurde. Trotzdem zog er am Morgen des 27. Juni mit einem großen Teil der Truppen nach Nauvoo. Am Gefängnis blieb nur eine kleine Wache zurück.

Ob Ford von einem konkreten Mordplan wusste, ist nicht bewiesen. Sein Versprechen, Joseph und Hyrum zu schützen, konnte er jedoch nicht einhalten.

Der Angriff auf das Gefängnis von Carthage

Am Nachmittag des 27. Juni näherte sich ein bewaffneter Mob dem Gefängnis. Berichte sprechen von etwa 150 bis 200 Männern. Viele hatten ihre Gesichter mit schwarzer Farbe oder Schießpulver bemalt, damit sie später nicht erkannt wurden.

Im oberen Stockwerk befanden sich Joseph und Hyrum Smith sowie John Taylor und Willard Richards. Ein Besucher hatte Joseph zuvor einen kleinen Revolver gegeben.

Als die Angreifer die Treppe hinaufstürmten und durch die Tür schossen, versuchten die Männer im Zimmer, sich zu verteidigen. Hyrum wurde von einer Kugel im Gesicht getroffen und starb kurz darauf. Seine letzten überlieferten Worte waren: „Ich bin ein toter Mann.“

Joseph feuerte mit dem Revolver durch die Tür in den Flur. Drei Kammern der Waffe lösten aus. Dabei wurden offenbar mehrere Angreifer verletzt.

Schließlich bewegte sich Joseph zum Fenster. Dort wurde er von mehreren Kugeln getroffen und stürzte nach draußen. Seine letzten überlieferten Worte begannen mit:

„O Herr, mein Gott!“

Kurz darauf war Joseph Smith tot. John Taylor wurde mehrfach angeschossen und schwer verletzt. Willard Richards überlebte den Angriff nahezu unverletzt.

Der Mob erreichte sein eigentliches Ziel nicht

Die Ermordung von Joseph Smith und Hyrum Smith erschütterte die Mitglieder der Kirche zutiefst. Viele hatten bereits Verfolgung und Vertreibung erlebt. Nun hatten sie ihren Propheten und den Patriarchen der Kirche verloren.

Die Angreifer hatten möglicherweise gehofft, dass die Kirche ohne Joseph Smith auseinanderbrechen würde. Das geschah nicht. Die Mitglieder hielten an ihrem Glauben fest und führten das begonnene Werk weiter.

Für sie waren Joseph und Hyrum Märtyrer. Sie hatten ihre Überzeugungen nicht aufgegeben, obwohl sie wussten, dass ihr Leben bedroht war. Über Joseph heißt es in Lehre und Bündnisse:

„Joseph Smith, der Prophet und Seher des Herrn, hat mehr für die Errettung der Menschen in dieser Welt getan als irgendein anderer Mensch, der je auf ihr gelebt hat – Jesus allein ausgenommen.“ (Lehre und Bündnisse 135:3)

Nach der Ermordung wurden neun Männer wegen ihrer Beteiligung an einer Verschwörung angeklagt. Fünf von ihnen standen schließlich vor Gericht. Alle wurden freigesprochen. Wer die tödlichen Schüsse abgab und wie viele einflussreiche Männer vorher von dem Mordplan wussten, ist deshalb bis heute nicht vollständig geklärt.

Die Ermordung von Joseph Smith war ein politisch und religiös motivierter Lynchmord. Seine Gegner konnten sein Leben beenden. Sein Zeugnis und das Werk, das er begonnen hatte, konnten sie jedoch nicht auslöschen.

Häufige Fragen zur Ermordung von Joseph Smith

Was führte zur Ermordung von Joseph Smith?

Es gab nicht nur einen einzigen Grund. Religiöse Vorurteile, politische Ängste, wirtschaftliche Konkurrenz und persönliche Konflikte spielten zusammen. Die Zerstörung der Druckerpresse des Nauvoo Expositor verschärfte die Lage und gab Josephs Gegnern einen Anlass, rechtlich gegen ihn vorzugehen.

Warum befand sich Joseph Smith im Gefängnis von Carthage?

Joseph Smith wurde zunächst wegen Aufruhrs angeklagt, nachdem die Druckerpresse des Nauvoo Expositor zerstört worden war. In Carthage kam eine Anklage wegen Hochverrats hinzu. Sie bezog sich vor allem auf die Mobilisierung der Nauvoo-Legion und die Verhängung des Kriegsrechts. Wegen dieser Anklage durfte Joseph nicht gegen Kaution freigelassen werden.

War die Zerstörung des Nauvoo Expositor legal?

Der Stadtrat von Nauvoo glaubte, auf Grundlage damaliger Gesetze handeln zu dürfen. Rechtshistoriker beurteilen die Entscheidung jedoch kritisch. Die Stadt konnte möglicherweise gegen die verbreiteten Zeitungsausgaben vorgehen. Die Zerstörung der Druckerpresse überschritt wahrscheinlich ihre rechtlichen Befugnisse.

Hat Joseph Smith sich gegen den Mob verteidigt?

Ja. Ein Besucher hatte Joseph einen kleinen Revolver gebracht. Als der Mob das Gefängnis stürmte, feuerte Joseph durch die Tür in den Flur. Drei Kammern der Waffe lösten aus. Seine Gegenwehr geschah während eines Angriffs, bei dem Hyrum bereits tödlich getroffen worden war.

Wer tötete Joseph und Hyrum Smith?

Ein bewaffneter Mob stürmte am 27. Juni 1844 das Gefängnis von Carthage. Viele Angreifer gehörten örtlichen Milizen an. Obwohl später mehrere Männer angeklagt wurden, wurde niemand für die Ermordung von Joseph und Hyrum Smith verurteilt.

Warum war Joseph Smith so umstritten?

Joseph Smith besaß großen religiösen, politischen und militärischen Einfluss. Gleichzeitig wuchs Nauvoo sehr schnell. Viele Menschen in der Umgebung fürchteten die zunehmende Macht der Mitglieder der Kirche. Die Vielehe, wirtschaftliche Konkurrenz und bereits vorhandene Vorurteile verstärkten die Ablehnung.

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