Himmel oder Hölle. So stellen sich viele Christen das Leben nach dem Tod vor. In Lehre und Bündnisse 76 finden wir jedoch ein anderes Bild. Joseph Smith und Sidney Rigdon sahen 1832 in einer Vision drei Reiche der Herrlichkeit: das Celestiale Reich, das Terrestriale Reich und das Telestiale Reich.
Diese drei Grade der Herrlichkeit unterscheiden sich darin, welche Herrlichkeit die Auferstandenen empfangen und in welcher Beziehung sie zu Gott leben. Die höchste Herrlichkeit ist das Celestiale Reich, in dem die Menschen in der Gegenwart Gottes, des Vaters, und Jesu Christi leben. Auch das Terrestriale und das Telestiale Reich sind Reiche der Herrlichkeit, unterscheiden sich jedoch vom Celestialen Reich und voneinander.
Diese Vorstellung tauchte jedoch nicht erst im 19. Jahrhundert auf. Schon im Neuen Testament finden sich Hinweise auf unterschiedliche himmlische Herrlichkeiten. Und frühe christliche Autoren beschrieben verschiedene Belohnungen, Aufenthaltsorte und Grade der Herrlichkeit nach der Auferstehung.
Wie ähnlich sind diese alten Vorstellungen dem, was Joseph Smith und Sidney Rigdon 1832 offenbart wurde?
Die drei Grade der Herrlichkeit und das Neue Testament
Eine der bekanntesten Schriftstellen zu diesem Thema stammt vom Apostel Paulus. Als er den Korinthern die Auferstehung erklärt, vergleicht er die unterschiedliche Herrlichkeit auferstandener Körper mit Sonne, Mond und Sternen:
„Auch gibt es Himmelskörper und irdische Körper. Die Schönheit der Himmelskörper ist anders als die der irdischen Körper. Der Glanz der Sonne ist anders als der Glanz des Mondes, anders als der Glanz der Sterne; denn auch die Gestirne unterscheiden sich durch ihren Glanz. So ist es auch mit der Auferstehung der Toten…“ (1. Korinther 15:40–42)
Der Vergleich fällt besonders auf, wenn man ihn neben Lehre und Bündnisse 76 liest. Dort werden ebenfalls Sonne, Mond und Sterne verwendet, um unterschiedliche Herrlichkeiten zu beschreiben.
Paulus sagt allerdings nicht, dass es ein Celestiales, Terrestriales und Telestiales Reich gibt. Seine Worte zeigen zunächst nur, dass mit der Auferstehung unterschiedliche Herrlichkeiten verbunden sein können.
An anderer Stelle spricht Paulus sogar von einem „dritten Himmel“. In 2. Korinther 12,2 berichtet er von einem Menschen – offenbar spricht er von sich selbst –, der dorthin entrückt wurde und Dinge hörte, die ein Mensch nicht aussprechen dürfe.
Was Paulus mit dem „dritten Himmel“ meinte, ist damit noch nicht geklärt. Die Stelle zeigt aber, dass die biblische Sprache über den Himmel vielfältiger ist als die einfache Gegenüberstellung von Himmel und Hölle.
Unterschiedliche Herrlichkeiten bei frühen Christen
Auch in den Jahrhunderten nach den Aposteln finden wir bei christlichen Autoren Vorstellungen von unterschiedlichen Zuständen nach der Auferstehung.
Ihre Aussagen ergeben kein einheitliches Modell des Jenseits. Trotzdem begegnet bei mehreren von ihnen ein Gedanke, den wir aus der Lehre von den drei Graden der Herrlichkeit kennen: Nicht alle Erlösten erhalten nach der Auferstehung dieselbe Herrlichkeit oder denselben Platz in Gottes Reich.
Johannes Chrysostomos: Nicht jeder erhält dieselbe Herrlichkeit
Johannes Chrysostomos, einer der bekanntesten christlichen Prediger der Spätantike, beschäftigte sich mit den Worten des Paulus über Sonne, Mond und Sterne.
Er verstand die Unterschiede zwischen Sonne, Mond und Sternen als Hinweis darauf, dass es auch unter den Auferstandenen Unterschiede in der Herrlichkeit geben werde. Es gibt eine Auferstehung, aber nicht jeder empfängt dieselbe Ehre.
Damit deutete Chrysostomos Paulus‘ Worte als Hinweis auf unterschiedliche Herrlichkeiten nach der Auferstehung.
Die Vorstellung einer Abstufung im Jenseits war christlichen Denkern also lange vor dem 19. Jahrhundert bekannt.
Origenes: Unterschiedliche Nähe zu Gott
Auch Origenes, einer der bedeutendsten christlichen Gelehrten des 3. Jahrhunderts, beschrieb unterschiedliche Zustände der Erlösten.
Er verband diese Unterschiede unter anderem damit, wie nahe Menschen Gott sein können. Die Rechtschaffensten würden beim Vater sein, während andere einen anderen Platz im göttlichen Reich einnehmen.
Hier ergibt sich eine Parallele zu Lehre und Bündnisse 76. Über diejenigen im Celestialen Reich heißt es im Vers 56:
„sie sind diejenigen, … die von seiner Fülle empfangen haben und von seiner Herrlichkeit “
Über das Terrestriale Reich lesen wir dagegen, dass seine Bewohner „von der Gegenwart des Sohnes empfangen, aber nicht von der Fülle des Vaters“ empfangen (Lehre und Bündnisse 76:77).
Auch bei Origines finden wir also die Vorstellung, dass Erlöste in unterschiedlicher Beziehung und Nähe zu Gott leben können.
Irenäus und drei unterschiedliche Bestimmungen
Eine besonders frühe Aussage stammt von Irenäus von Lyon, der im 2. Jahrhundert lebte. Über seinen Lehrer Polykarp bestand eine Verbindung zur Generation der Apostel; Irenäus berichtete, Polykarp habe noch mit Johannes und anderen gesprochen, die Jesus gesehen hatten.
Irenäus griff das Gleichnis vom Sämann auf, in dem Christus von Frucht spricht, die dreißig-, sechzig- oder hundertfach aufgeht. Diese drei Erträge brachte Irenäus mit unterschiedlichen Bestimmungen der Erlösten in Verbindung.
Er unterschied zwischen Menschen, die in den Himmel aufgenommen werden, solchen, die im Paradies leben, und solchen, die die „Stadt“ bewohnen.
In diesem Zusammenhang verwies er auch auf die Worte Jesu:
„Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ (Johannes 14:2)
Gerade bei Irenäus fällt auf, dass er nicht nur allgemein von unterschiedlichen Belohnungen spricht, sondern drei verschiedene Bestimmungen nennt.
Kannten frühe Christen die drei Grade der Herrlichkeit?
Die Quellen zeigen, dass mehrere Gedanken, die uns aus dieser Offenbarung vertraut sind, bereits in der frühen christlichen Geschichte auftauchen, auch wenn die genaue Vorstellung vielleicht anders war.
Paulus spricht von unterschiedlichen Herrlichkeiten bei der Auferstehung und verwendet dafür Sonne, Mond und Sterne. Chrysostomos versteht diese Unterschiede ebenfalls als verschiedene Herrlichkeiten der Auferstandenen. Origenes kennt unterschiedliche Grade der Nähe zu Gott. Und Irenäus unterscheidet sogar drei verschiedene Bestimmungen der Erlösten.
Das ist mehr als die einfache Vorstellung: Die Guten kommen in den Himmel, die Bösen in die Hölle.
Was die Vision von 1832 hinzufügte
Am 16. Februar 1832 arbeiteten Joseph Smith und Sidney Rigdon an der inspirierten Überarbeitung der Bibel. Dabei beschäftigten sie sich mit Johannes 5:29 und der Auferstehung der Gerechten und Ungerechten.
In diesem Zusammenhang empfingen sie die Vision, die wir heute als Lehre und Bündnisse 76 kennen.
Dort werden die verschiedenen Herrlichkeiten nicht nur angedeutet. Joseph und Sidney sahen das Celestiale, Terrestriale und Telestiale Reich und erfuhren, wer diese Herrlichkeiten erben würde und worin sie sich voneinander unterscheiden.
Und sie zeigt einen Erlösungsplan, der weit über die Vorstellung hinausgeht, dass am Ende fast alle Menschen entweder vollständig gerettet oder für immer verloren sind. Selbst über die Bewohner des Telestialen Reiches heißt es, dass dessen Herrlichkeit „alles Verständnis übersteigt“ (Lehre und Bündnisse 76:89).
Das verändert den Blick auf das Gericht Gottes. Unterschiede zwischen Menschen und ihren Entscheidungen verschwinden nicht. Aber Gottes Werk endet auch nicht mit einer einfachen Aufteilung in zwei Gruppen.
Die drei Grade der Herrlichkeit zeigen einen Gott, der vollkommen gerecht urteilt und seinen Kindern zugleich weit mehr Herrlichkeit schenkt, als ein einfaches Himmel-oder-Hölle-Modell erwarten lässt.
Quelle zur Vertiefung:
Dieser Artikel basiert unter anderem auf den historischen und theologischen Hinweisen im Beitrag „What Did Early Christians Teach about the Three Degrees of Glory?“ von Scripture Central.
