Wenn wir das Wort „Drache“ hören, denken wir meist an riesige, feuerspeiende Fabelwesen aus europäischen Märchen oder modernen Fantasy-Filmen. Umso überraschender ist es, wenn man auf Drachen im Buch Mormon stößt.

Und zwar nicht nur einmal.

In Mosia 20:11 kämpfen die Leute Limhis gegen die Lamaniten und es heißt:

„Und es begab sich: Das Volk Limhi fing an, die Lamaniten vor sich herzujagen, und doch war es nicht halb so zahlreich wie die Lamaniten. Aber es kämpfte um sein Leben und um seine Frauen und um seine Kinder; darum strengte es sich an, und wie Drachen kämpfte es.“

Auch in Alma 43:44 kämpfen Menschen „wie Drachen“.

Auf den ersten Blick kann das wie ein Anachronismus wirken. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Begriff „Drache“ eine faszinierende Verbindung zwischen der Bildwelt des Alten Orients und Vorstellungen, die wir auch im alten Amerika finden.

Denn ein Drache war in der Antike nicht unbedingt das, was wir heute darunter verstehen.

Was war für die Israeliten ein Drache?

Die Erwähnung von Drachen im Buch Mormon lässt sich zunächst vor dem hebräischen Hintergrund betrachten.

In der hebräischen Bibel begegnet uns immer wieder das Wort tannin. Der Begriff wird für unterschiedliche reptilienartige Wesen verwendet und kann je nach Zusammenhang unter anderem eine Schlange, ein Krokodil oder ein großes Meereswesen bezeichnen.

Tannin ist keineswegs ein seltenes Wort. Es erscheint unter anderem mehrfach in den Psalmen, Jesaja und Jeremia sowie in weiteren Büchern des Alten Testaments. Für Menschen mit israelitischem Hintergrund gehörten solche Wesen also zur vertrauten Bildwelt.

Besonders häufig stehen tannin mit Wasser in Verbindung. In der Vorstellungswelt des Alten Orients konnten gewaltige Meereswesen außerdem für das wilde, ungezähmte Chaos stehen.

Auch die Bibel greift solche Bilder auf. In Jesaja 27:1 wird beispielsweise Leviathan, ein gewaltiges mythisches Meerwesen, als gewaltige Schlange beziehungsweise als „Drache im Meer“ beschrieben, den der Herr besiegt. In Jesaja 51:9 erinnert der Prophet daran, wie der Herr Rahab zerschmettert und den „Drachen“ durchbohrt hat. Rahab bezeichnet hier nicht die Frau aus dem Buch Josua, sondern eine poetische Verkörperung der chaotischen Mächte des Meeres.

Solche Stellen zeigen, dass mächtige Schlangen-, Drachen- und Meereswesen zur Bildsprache der biblischen Autoren gehörten.

Das ist weit entfernt von unserem modernen Bild eines europäischen Drachen mit Flügeln und Feueratem.

Verwandelte sich Aarons Stab vielleicht in ein Krokodil?

Wie unterschiedlich tannin verstanden werden kann, zeigt ausgerechnet eine der bekanntesten Geschichten des Alten Testaments.

Mose und Aaron treten vor den Pharao. Aaron wirft seinen Stab auf den Boden und dieser verwandelt sich in ein Tier. Die meisten von uns dürften dabei sofort eine Schlange vor Augen haben.

Im hebräischen Text von Exodus 7 steht an dieser Stelle jedoch tannin – dasselbe Wort aus der Begriffswelt der „Drachen“.

Der Bibelwissenschaftler Robert S. Kawashima hat sogar argumentiert, dass in dieser konkreten Geschichte „Krokodil“ eine passende Übersetzung sein könnte. Der ägyptische Schauplatz und die enge Verbindung des tannin mit Wasser machen diese Interpretation zumindest plausibel.

Das heißt nicht, dass Aarons Stab definitiv zu einem Krokodil wurde. Entscheidend ist etwas anderes: Ein Tier, das wir in einer Übersetzung als „Drache“ wiederfinden können, musste für Menschen der Antike keineswegs ein Fabelwesen sein. Es konnte ein sehr reales und ziemlich gefährliches Reptil sein.

Und was hat das mit den Drachen im Buch Mormon zu tun?

Genau hier wird es interessant.

In Mosia 20:11 und Alma 43:44 werden Menschen beschrieben, die „wie Drachen“ kämpfen. Wenn hinter einem antiken „Drachen“ durchaus das Bild eines großen, gefährlichen Reptils stehen konnte, stellt sich eine naheliegende Frage: Gab es in der möglichen Lebenswelt der Völker des Buches Mormon Tiere, die zu einem solchen Vergleich passen würden?

Zumindest für Mesoamerika lautet die Antwort: ja.

Dort leben mehrere große Krokodilarten, darunter das Spitzkrokodil (Crocodylus acutus), das Morelet-Krokodil (Crocodylus moreletii) und der Brillenkaiman (Caiman crocodilus). 

Für Menschen, die ihren Lebensraum mit diesen Tieren teilten, waren sie keine exotischen Zootiere, sondern gefährliche Raubtiere. Frühe spanische Berichte beschreiben amerikanische Krokodile und Kaimane als äußerst wild und von den Menschen gefürchtet.

Der Heilige-der-Letzten-Tage-Forscher John L. Sorenson schlug deshalb vor, dass hinter dem Vergleich im Buch Mormon möglicherweise ein Krokodil oder Kaiman stehen könnte.

Das lässt sich nicht beweisen. Aber plötzlich klingt die Formulierung „sie kämpften wie Drachen“ ganz anders: nicht unbedingt wie der Vergleich mit einem Fabelwesen, sondern möglicherweise wie der Vergleich mit einem Tier, dessen Wildheit und Gefährlichkeit die Menschen aus eigener Erfahrung kannten.

Und reale Krokodile sind nur ein Teil der Geschichte. Denn in Mesoamerika waren Krokodile und andere große Reptilien nicht nur gefährliche Tiere. Sie spielten auch in der religiösen und kulturellen Vorstellungswelt eine erstaunlich große Rolle.

Das riesige Krokodil, auf dem die Erde lag

In den Kulturen des alten Mesoamerika spielten Schlangen und Krokodile auch in Kunst, Religion und Mythologie eine wichtige Rolle.

Dabei begegnet uns eine bemerkenswerte Parallele zur Bildwelt des Alten Orients: Auch hier waren mächtige Reptilien eng mit Wasser verbunden.

Bei den Maya konnte die Erdoberfläche beispielsweise als Rücken eines riesigen Krokodils oder Kaimans gedacht werden, das auf dem Meer schwimmt. Forscher sprechen in diesem Zusammenhang unter anderem vom „Erdmonster“ oder „kosmischen Krokodil“.

Der große Körper und der gezackte Rücken des Tieres boten ein anschauliches Bild für eine bergige Landschaft, die aus dem Wasser herausragt. Das Krokodil konnte dadurch zugleich mit Erde und Fruchtbarkeit verbunden werden.

In manchen Darstellungen wachsen sogar Bäume aus einem solchen Wesen heraus.

Das klingt schon deutlich mehr nach einem antiken „Drachen“ als nach dem Krokodil, das wir heute aus einer Tierdokumentation kennen.

Ein kosmisches Krokodil im Dresdner Kodex

Wir müssen uns diese Vorstellungen nicht nur aus späteren Beschreibungen erschließen. Einige davon wurden bildlich festgehalten.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel findet sich im Dresdner Kodex, einer der wenigen erhaltenen Maya-Handschriften.

Auf Seite 74 ist ein gewaltiges kosmisches Krokodil dargestellt. Aus seinem Maul und seinem Körper strömen große Mengen Wasser. Forscher bringen die Darstellung mit einer kosmischen Flut in Verbindung.

Eine ähnliche Darstellung ist aus Tulum bekannt. Auch dort erscheint ein Krokodil, von dessen Körper Wasser herabströmt.

Das ist deshalb interessant, weil auch der hebräische tannin besonders häufig mit Wasser verbunden wird.

Damit haben wir in zwei unterschiedlichen antiken Kulturwelten mächtige reptilienartige Wesen, die eng mit Wasser und kosmischen Vorstellungen verknüpft sind.

Das beweist zwar keine direkte Verbindung zwischen beiden Kulturen. Aber es zeigt, dass solche Bilder weder im Alten Orient noch im alten Amerika so ungewöhnlich waren, wie das Wort „Drache“ für uns heute klingt.

Sipak: Das Monster, das Berge erschuf

Ein solches Wesen kennen wir sogar mit Namen.

Im berühmten Popol Vuh der K’iche’-Maya begegnet uns Sipak, ein gewaltiges krokodilartiges Monster. Ihm wird zugeschrieben, Berge entstehen lassen zu können.

Schließlich wird Sipak von den Zwillingshelden Hunahpú und Xbalanqué besiegt und unter einem großen Berg begraben.

Sein Name wird von Forschern mit Cipactli in Verbindung gebracht, einem krokodilartigen Urwesen aus der Mythologie Zentralmexikos.

Solche Wesen sind nicht identisch mit den tannin des Alten Testaments. Interessant ist vielmehr, dass ein mächtiges, teilweise übernatürlich verstandenes Reptil auch im alten Amerika ein bekanntes kulturelles Bild sein konnte.

Und genau das wird wichtig, wenn im Buch Mormon Menschen „wie Drachen“ kämpfen.

Was haben Drachen mit Kriegern zu tun?

Denn Mosia und Alma beschreiben keine Schöpfungsgeschichte.

Sie beschreiben Schlachten.

Auch hier gibt es interessante Vergleichspunkte mit dem alten Mesoamerika. Mächtige Tierwesen spielten dort in der Darstellung von Herrschern und Kriegern eine wichtige Rolle.

Ein Beispiel sind die sogenannten wayob der Maya. Darunter verstand man spirituelle Tierwesen oder tierische Alter Egos, die mit bestimmten Menschen verbunden sein konnten.

Herrscher konnten in Darstellungen von solchen Wesen begleitet werden. In der Forschung werden einige davon als „kriegerische Tierwesen“ bezeichnet. Häufig begegnen uns Jaguare, aber auch schlangenartige Wesen und Mischformen mit unterschiedlichen Tiermerkmalen.

Darüber hinaus gab es übernatürliche Wesen mit ausdrücklicher Verbindung zum Krieg, darunter die sogenannte War Serpent, also „Kriegsschlange“.

Auch Kopfschmuck und andere Darstellungen konnten Schlangen- und Krokodilmerkmale aufgreifen.

Wir können daraus nicht schließen, dass Mormon mit seinen „Drachen“ genau diese Wesen meinte. Aber die Vorstellung, einen mächtigen Krieger bildlich mit einem gefährlichen reptilienartigen Wesen zu verbinden, wäre in einer mesoamerikanischen Kultur keineswegs fremd gewesen.

„Sie kämpften wie Drachen“

Besonders anschaulich wird der Vergleich in Alma 43:44. Dort erfahren wir ziemlich genau, was Mormon beschreibt, wenn er schreibt, dass die Lamaniten „wie Drachen“ kämpften.

Die Lamaniten werden von ihren Anführern angefeuert und greifen die Nephiten mit großer Gewalt an:

„Ja, sie kämpften wie Drachen, und viele Nephiten wurden von ihrer Hand getötet […] und so schlugen die Lamaniten in ihrem grimmigen Zorn zu.“ (Alma 43:44)

Der Text beschreibt sogar, wie sie Kopfplatten zerschlagen, Brustplatten durchstoßen und ihren Gegnern Arme abschlagen. „Wie Drachen“ steht hier also mitten in einer Beschreibung außergewöhnlicher Wildheit, Kraft und Gefährlichkeit.

Ob Mormon dabei tatsächlich ein Krokodil, einen Kaiman oder ein anderes mächtiges Wesen vor Augen hatte, können wir nicht wissen. Doch nach dem Blick auf die biblische und mesoamerikanische Bildwelt klingt sein Vergleich längst nicht mehr so fantastisch wie zu Beginn.

Vielleicht ist die eigentliche Frage deshalb gar nicht, warum es Drachen im Buch Mormon gibt.

Vielleicht haben wir uns bisher einfach den falschen Drachen vorgestellt.

Quelle: Scripture Central

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