Was seine Aufgabe heute ist

Propheten gehören für viele von uns in dieselbe Kategorie wie die Arche Noah, der brennende Dornbusch und das geteilte Meer: Man kennt sie aus der Bibel, aber irgendwie wirken sie wie Personen aus einer längst vergangenen Zeit.

In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sieht das anders aus. Hier begegnest du der Überzeugung, dass Gott nicht irgendwann aufgehört hat, zu den Menschen zu sprechen. Deshalb gibt es auch heute einen Propheten.

Das wirft natürlich Fragen auf. Warum brauchen wir einen Propheten? Reicht die Bibel nicht aus? Was darf ein Prophet überhaupt? Kann er die Zukunft vorhersagen? Und bedeutet ein lebender Prophet, dass du einfach alles glauben musst, was er sagt?

Um das zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick darauf, was mit dem Wort „Prophet“ eigentlich gemeint ist.

Was ist überhaupt ein Prophet?

Dallin H. Oaks lächelt in die Kamera
Foto: Kirche Jesu Christi der Heilige der Letzten Tage

Bei einem Propheten denkst du vielleicht zuerst an jemanden, der zukünftige Ereignisse vorhersagt. Tatsächlich kommt das in den heiligen Schriften vor. Es ist aber nicht die wichtigste Aufgabe eines Propheten.

Ein Prophet ist vor allem jemand, der von Gott berufen wird, für ihn zu sprechen und Menschen zu Jesus Christus zu führen. In der Bibel übernehmen Propheten ganz unterschiedliche Aufgaben. Mose führt Israel aus Ägypten. Jesaja spricht über den kommenden Messias. Jeremia warnt sein Volk vor den Folgen bestimmter Entscheidungen.

Dabei sind Propheten keine übermenschlichen Figuren. Mose fühlte sich seiner Aufgabe zunächst nicht gewachsen. Jona lief vor seinem Auftrag davon. Petrus machte Fehler, obwohl er zu den engsten Jüngern Jesu gehörte.

Das Muster ist ziemlich eindeutig: Gott arbeitet mit Menschen – und Menschen bleiben Menschen.

Warum brauchen wir einen Propheten, wenn es die Bibel gibt?

Genau hier liegt wahrscheinlich eine der spannendsten Fragen.

Wenn Gott bereits durch Propheten gesprochen hat und ihre Worte in der Bibel überliefert sind, warum brauchen wir einen Propheten? Warum sollte Gott heute noch jemanden berufen, wenn wir nachlesen können, was er früher offenbart hat?

Eine Antwort darauf findest du direkt in der Bibel. Gott hat seine Kinder nie nur mit alten Botschaften zurückgelassen. Noah bekam Anweisungen für seine Zeit. Mose für seine. Jesaja sprach zu den Menschen seiner Generation. Die Apostel wiederum mussten Fragen beantworten, die für die ersten christlichen Gemeinden relevant waren.

Die Grundsätze Gottes ändern sich nicht ständig. Die Welt, in der du sie anwenden musst, dagegen schon.

Die Bibel spricht nicht konkret über künstliche Intelligenz, soziale Medien, moderne Familienstrukturen oder die Herausforderungen einer globalisierten Gesellschaft. Mose würde die Welt, in der wir heute leben, vermutlich nicht wiedererkennen. Das bedeutet nicht, dass sie zu aktuellen Themen nichts beizutragen hätte. Ihre Grundsätze bleiben relevant. Aber die Vorstellung eines lebenden Propheten beruht auf dem Gedanken, dass Gott seine Kinder auch bei den Fragen ihrer eigenen Zeit begleitet.

Warum brauchen wir einen Propheten? Weil Offenbarung aus dieser Perspektive kein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit ist.

Hat Gott irgendwann aufgehört, Propheten zu berufen?

Nach dem Tod Jesu führten seine Apostel die frühe christliche Kirche weiter. Mit der Zeit starben jedoch die Apostel, und es kam zu einer langen Phase ohne dieselbe prophetische und apostolische Führung.

Hier kommt ein zentraler Gedanke der Wiederherstellung ins Spiel.

Joseph Smith berichtete im 19. Jahrhundert, dass Gott ihn berufen habe, das Evangelium Jesu Christi wiederherzustellen. Damit verbunden war auch die Rückkehr von Aposteln, Priestertum und fortlaufender Offenbarung.

Joseph Smith wird deshalb als erster Prophet dieser wiederhergestellten Kirche angesehen.

Seitdem gab es eine ununterbrochene Folge von Präsidenten der Kirche, die zugleich als Propheten anerkannt werden. Der Gedanke dahinter ist bemerkenswert einfach: Wenn Gott früher durch Propheten gesprochen hat, warum sollte er damit grundsätzlich aufgehört haben?

Was macht ein Prophet heute?

Ein offizielles Foto der Ersten Präsidentschaft der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.
Foto: Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Du wirst einen heutigen Propheten wahrscheinlich nicht mit Steintafeln vom Berg Sinai herunterkommen sehen.

Seine Aufgabe ist trotzdem mit der biblischer Propheten vergleichbar.

Er gibt geistliche Orientierung, lehrt über Jesus Christus, warnt vor Entwicklungen, die Menschen von Gott entfernen können, und hilft dabei, Grundsätze des Evangeliums auf die Gegenwart anzuwenden. Gleichzeitig steht er an der Spitze der weltweiten Kirche Jesu Christi.

Gemeinsam mit den Aposteln gibt er außerdem Orientierung für eine Kirche, die in sehr unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften zu Hause ist.

Damit wird auch die Frage „Warum brauchen wir einen Propheten?“ etwas konkreter. Prophetische Führung bedeutet nicht zwangsläufig spektakuläre Vorhersagen. Meist geht es um wesentlich alltäglichere Fragen: Wie kannst du Jesus Christus in einer komplizierten Welt folgen? Was ist wirklich wichtig? Welche Entscheidungen führen dich näher zu Gott?

Sagt ein Prophet die Zukunft voraus?

Manchmal können Propheten zukünftige Ereignisse ankündigen. In den heiligen Schriften findest du dafür zahlreiche Beispiele.

Das deutsche Wort „Prophet“ führt allerdings schnell zu einem Missverständnis: Ein Prophet ist kein religiöser Wahrsager.

Seine wichtigste Aufgabe besteht nicht darin, dir zu sagen, was nächstes Jahr passieren wird. Er soll vielmehr dabei helfen, Gottes Willen zu verstehen und auf Jesus Christus hinzuweisen.

Das kann Warnungen vor zukünftigen Folgen einschließen. Wenn ein Prophet beispielsweise vor bestimmten Verhaltensweisen warnt, geht es aber nicht unbedingt um eine übernatürliche Vorhersage. Oft geht es darum zu zeigen, wohin bestimmte Entscheidungen führen können.

Muss ich einem Propheten einfach blind folgen?

Die Vorstellung eines Propheten kann schnell unbequem werden. Schließlich stellt sich sofort die Frage: Soll ein Mensch entscheiden, was ich glauben oder wie ich leben soll?

So ist persönliche Offenbarung nicht gedacht.

Du wirst immer wieder dazu eingeladen, selbst zu beten, die heiligen Schriften zu lesen, Aussagen zu prüfen und deine eigene Beziehung zu Gott aufzubauen. Ein Prophet ersetzt diese persönliche Verantwortung nicht.

Das ist ein wichtiger Punkt. Prophetische Führung und persönliche Offenbarung sollen keine Konkurrenten sein.

Du kannst Fragen haben. Du kannst etwas zunächst nicht verstehen. Und du kannst dich selbst damit beschäftigen, ob du eine bestimmte Aussage für von Gott inspiriert hältst.

Glaube bedeutet hier nicht, den eigenen Verstand an der Kirchentür abzugeben.

Sind Propheten unfehlbar?

Präsident Dallin H. Oaks sitzt für ein Interview auf einem Stuhl.
Foto: Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Nein.

Propheten sind Menschen. Sie besitzen Persönlichkeit, kulturelle Prägungen, Erfahrungen und persönliche Ansichten. Die Berufung zum Propheten verwandelt einen Menschen nicht in ein fehlerloses Wesen.

Auch die Bibel zeichnet erstaunlich offene Bilder ihrer Propheten und Apostel. Sie zweifeln, treffen falsche Entscheidungen oder müssen korrigiert werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ihre Berufung bedeutungslos wäre. Der Anspruch ist vielmehr, dass Gott durch unvollkommene Menschen wirken kann – ein Muster, das sich durch die gesamte Bibel zieht.

Gerade deshalb lohnt es sich, Aussagen nicht nur isoliert zu betrachten. Wichtig sind der Zusammenhang, die wiederholten Lehren der Propheten und Apostel und vor allem die Frage, wie sie zu Jesus Christus führen.

Warum brauchen wir einen Propheten heute?

Vielleicht lässt sich die Frage am besten mit einer Gegenfrage beantworten: Wenn du davon ausgehst, dass Gott wirklich existiert und seine Kinder liebt – wäre es dann ungewöhnlich, wenn er heute noch zu ihnen sprechen würde?

Genau darauf baut die Vorstellung eines lebenden Propheten auf.

Gott hat zu Menschen in einer Welt von Pharaonen, römischen Statthaltern und handgeschriebenen Schriftrollen gesprochen. Warum sollte eine Welt mit Smartphones, globalen Krisen und völlig neuen gesellschaftlichen Fragen weniger göttliche Orientierung benötigen?

Warum brauchen wir einen Propheten? Nicht, weil ein einzelner Mensch alle Antworten auf jedes Problem besitzt. Sondern weil dahinter die Überzeugung steht, dass Gott weiterhin führt, offenbart und zu seinen Kindern spricht.

Ein lebender Prophet ist damit vor allem Ausdruck einer größeren Idee: Offenbarung gehört nicht nur in die Vergangenheit.

Gott hat noch etwas zu sagen.

Zusammenfassung: Propheten in der Kirche Jesu Christi

Was ist ein Prophet?

Ein Prophet ist ein von Gott berufener Mensch, der von Jesus Christus Zeugnis gibt, Gottes Willen verkündet und geistliche Orientierung gibt. Die Vorhersage zukünftiger Ereignisse kann dazugehören, ist aber nicht seine Hauptaufgabe.

Warum brauchen wir einen Propheten?

Weil Gott seine Kinder auch in ihrer eigenen Zeit führen möchte. Ein Prophet gibt Orientierung für aktuelle Herausforderungen und bezeugt Jesus Christus. Dahinter steht der Gedanke, dass Gott nicht nur in biblischer Zeit gesprochen hat, sondern auch heute Offenbarung geben kann.

Gibt es heute noch Propheten?

Ja. In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wird der Präsident der Kirche als Prophet, Seher und Offenbarer anerkannt. Auch die Apostel werden als Propheten, Seher und Offenbarer bestätigt.

Ersetzt ein Prophet die Bibel?

Nein. Die Bibel bleibt heilige Schrift. Hinzu kommen unter anderem das Buch Mormon sowie fortlaufende Offenbarung. Ein heutiger Prophet soll frühere Offenbarung nicht bedeutungslos machen, sondern Menschen helfen, Gottes Grundsätze in ihrer eigenen Zeit zu verstehen und anzuwenden.

Sind Propheten unfehlbar?

Nein. Propheten bleiben Menschen und können Fehler machen. Ihre Berufung bedeutet nicht, dass jede persönliche Meinung oder jede einzelne Aussage automatisch als Offenbarung verstanden werden muss. Erinnere dich an die Propheten in der Bibel. Von manchen Propheten kennen wir große Fehlentscheidungen.

Muss ich alles glauben, was ein Prophet sagt?

Du bist eingeladen, dich selbst mit seinen Aussagen auseinanderzusetzen und Gott im Gebet um Erkenntnis zu bitten. Persönliche Offenbarung und eigenes Nachdenken gehören zum Glauben dazu.

Können Propheten die Zukunft vorhersagen?

Das kann Teil prophetischer Offenbarung sein, wie zahlreiche Beispiele in der Bibel zeigen. Die Hauptaufgabe eines Propheten besteht jedoch darin, von Jesus Christus Zeugnis zu geben, Gottes Willen zu verkünden und Menschen geistlich zu führen.

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