Du bekommst eine Nachricht und denkst: Wow, ganz schön arrogant.
Jemand sagt zum dritten Mal kurzfristig ab. Auf den kann man sich einfach nicht verlassen.
Eine Person postet ständig Bilder aus ihrem scheinbar perfekten Leben. Die braucht wohl ziemlich viel Aufmerksamkeit.
Manchmal reichen uns erstaunlich wenige Informationen, um ziemlich viel über einen Menschen zu denken. Ein Satz, ein Blick, ein Post – und unser Urteil steht fest.
Das Problem ist nur: Wir kennen meistens nur einen winzigen Teil der Geschichte.
Weniger urteilen bedeutet deshalb nicht, keine Meinung mehr zu haben. Es bedeutet, einen Moment länger hinzusehen, bevor wir glauben, einen Menschen verstanden zu haben.
Warum urteilen wir so schnell?
Urteile entstehen oft automatisch. Wir sehen ein Verhalten und suchen sofort nach einer Erklärung dafür.
Dabei gibt es einen interessanten Unterschied: Bei uns selbst kennen wir die Hintergründe. Wenn wir gereizt reagieren, wissen wir vielleicht, dass wir kaum geschlafen haben, einen schlechten Tag haben, Stress mit Freund oder Freundin haben oder uns gerade Sorgen machen.
Bei anderen sehen wir nur die Reaktion.
Jesus Christus sprach genau dieses Problem in der Bergpredigt an:
„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Matthäus 7:3)
Das Bild ist ziemlich direkt. Wir können erstaunlich gut erkennen, was andere falsch machen – und gleichzeitig großzügig über unsere eigenen Schwächen hinwegsehen.
Weniger urteilen beginnt mit einer anderen Frage
Vielleicht müssen wir nicht lernen, überhaupt keine Urteile mehr zu haben. Vielleicht müssen wir zunächst lernen, unsere ersten Urteile infrage zu stellen.
Statt zu denken:
Warum ist sie so unfreundlich? könnten wir uns fragen: Was weiß ich gerade nicht über sie?
Statt: Er interessiert sich offensichtlich für niemanden außer sich selbst. vielleicht: Gibt es noch eine andere Erklärung für sein Verhalten?
Diese kleine Veränderung löst nicht jedes Problem. Aber sie schafft Raum für Mitgefühl.
Denn vielleicht ist die Person, die nicht antwortet, gerade völlig überfordert. Vielleicht kämpft der Freund, der sich zurückzieht, mit etwas, von dem du nichts weißt. Vielleicht steckt hinter einem Verhalten, das dich nervt, eine Unsicherheit, die du nicht sehen kannst.
Jesus sah mehr als den Fehler
Eine eindrucksvolle Geschichte dazu finden wir in Johannes 8.
Eine Frau wird zu Jesus gebracht, nachdem sie beim Ehebruch ertappt wurde. Die Menschen um sie herum sehen vor allem eines: ihre Schuld.
Jesus verharmlost ihr Verhalten nicht. Aber er weigert sich auch, die Frau auf ihren Fehler zu reduzieren.
Er sagt zu den Anklägern:
„Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ (Johannes 8:7)
Nach und nach gehen sie fort.
Diese Geschichte zeigt etwas Entscheidendes: Mitgefühl bedeutet nicht, alles richtig zu finden. Wir können ein Verhalten ablehnen und einem Menschen trotzdem mit Würde begegnen.
Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Formen von Nächstenliebe.
„Hör auf damit“
Dieter F. Uchtdorf sprach einmal sehr deutlich über unsere Neigung, andere zu verurteilen. Seine Botschaft fasste er in zwei Worten zusammen:
„Stop it!“ – „Hör auf damit.“
Anschließend erklärte er, wir sollten aufhören, andere zu verurteilen, und urteilende Gedanken durch ein Herz voller Liebe zu Gott und seinen Kindern ersetzen.
Sein Gedanke dahinter ist unbequem und gleichzeitig befreiend: Wir sind alle unvollkommen. Wir brauchen selbst immer wieder Geduld, Vergebung und einen neuen Anfang. Warum sollten wir anderen genau das verweigern?
4 Dinge, die dir helfen können, weniger zu urteilen
1. Erkenne dein erstes Urteil.
Du musst dich nicht dafür fertig machen. Nimm es einfach wahr: Okay, ich habe diese Person gerade in eine Schublade gesteckt.
2. Frage dich: Was weiß ich nicht?
Du kennst vielleicht das Verhalten eines Menschen. Du kennst aber selten seine ganze Geschichte.
3. Trenne die Person von ihrem Verhalten.
„Das war egoistisch“ ist etwas anderes als „Du bist ein egoistischer Mensch“. Menschen sind mehr als ihre schlechtesten Momente.
4. Suche bewusst nach einer großzügigeren Erklärung.
Vielleicht liegst du damit falsch. Aber möglicherweise liegst du mit deinem ersten negativen Urteil genauso falsch. Warum also nicht der barmherzigeren Möglichkeit eine Chance geben?
Ein kleiner Versuch für diese Woche
Vielleicht gibt es jemanden, bei dem du innerlich besonders schnell die Augen verdrehst. Einen Kollegen, eine Kommilitonin, jemanden aus deiner Familie oder vielleicht jemanden, dem du online folgst.
Beobachte dich diese Woche einmal selbst.
Wenn das nächste Urteil kommt, versuche nicht sofort, es zu rechtfertigen. Stell dir stattdessen nur eine Frage:
Was könnte ich über diesen Menschen noch nicht wissen?
Vielleicht verändert diese Frage nicht den anderen.
Aber möglicherweise verändert sie etwas in dir.
