Auf vielen alten Gemälden und in traditionellen Krippendarstellungen sieht man Maria als junge Mutter und Josef als älteren Mann mit grauem Bart. Aber woher kommt diese Vorstellung eigentlich? Finden wir diese Beschreibung in der Bibel? 

Ich habe mich gefragt, wie alt Maria und Josef wohl waren, wie sie lebten und was Josef eigentlich beruflich machte. Und hatte Jesus tatsächlich Brüder und Schwestern? Hier könnt ihr lesen, was ich herausfinden konnte.

Was verraten die ältesten Quellen über Maria und Josef?

Überraschenderweise erfahren wir aus den frühesten christlichen Schriften kaum etwas über Jesu Eltern.

Paulus, dessen Briefe etwa zwanzig bis dreißig Jahre nach Jesu Tod entstanden, erwähnt lediglich, dass Jesus von einer Frau geboren wurde. Ihren Namen nennt er nicht. Auch Josef kommt bei ihm nicht vor.

Das Markusevangelium, das wahrscheinlich um das Jahr 70 entstand, nennt Maria ausdrücklich und berichtet von Jesu Geschwistern. Josef wird dagegen nicht erwähnt.

Erst Matthäus und Lukas erzählen ausführlicher von Jesu Eltern. Dabei schildert Matthäus die Ereignisse vor allem aus Josefs Perspektive, während Lukas Maria stärker in den Mittelpunkt stellt. Die frühen Überlieferungen verbinden Jesu Familie mit Nazareth in Galiläa. Maria war seine Mutter, und Josef galt als sein Vater.

Wie alt waren Maria und Josef?

Die Evangelien verraten uns nicht, wie alt Maria und Josef bei Jesu Geburt waren.

Geht man von den damaligen jüdischen Heiratsgewohnheiten aus, könnte Maria bei ihrer Verlobung etwa zwölf bis sechzehn Jahre alt gewesen sein. Über Josefs Alter wissen wir noch weniger. Die Evangelien beschreiben ihn jedenfalls nicht als alten Mann.

Woher stammt dann dieses vertraute Bild?

Eine wichtige Rolle spielt das Protoevangelium des Jakobus, eine christliche Schrift aus dem zweiten Jahrhundert, die nicht in die Bibel aufgenommen wurde und als apokryph gilt. Darin erscheint Josef als älterer Mann, der bereits Kinder hat. Diese Erzählung beeinflusste das spätere christliche Bild Josefs erheblich.

Wie lebten Maria und Josef?

Matthäus und Lukas berichten, dass Maria und Josef verlobt waren, als Maria mit Jesus schwanger wurde.

Eine Verlobung konnte in der damaligen jüdischen Gesellschaft bereits rechtlich verbindlich sein. Das Paar galt dann als verheiratet, obwohl es möglicherweise noch keinen gemeinsamen Haushalt führte. Eine Trennung erforderte unter solchen Umständen eine Scheidung.

Das erklärt, weshalb Matthäus berichtet, dass Josef zunächst erwog, sich von Maria zu trennen.

Über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie gibt es nur wenige Hinweise. Lukas erzählt, dass Maria und Josef nach Jesu Geburt zwei Vögel als Opfer im Tempel darbrachten. Nach dem jüdischen Gesetz war dieses Opfer für Menschen vorgesehen, die sich das sonst übliche Lamm nicht leisten konnten.

Lukas zeichnet damit das Bild einer Familie in bescheidenen Verhältnissen.

War Josef wirklich Zimmermann?

Josef wird traditionell als Zimmermann dargestellt. Tatsächlich bezeichnet Matthäus Jesus als Sohn eines téktōn. Markus verwendet denselben griechischen Begriff sogar für Jesus selbst.

Das Wort wird gewöhnlich mit „Zimmermann“ übersetzt, konnte aber auch einen Handwerker bezeichnen, der mit anderen Baumaterialien arbeitete.

Josef könnte also Holz für Türen, Dachkonstruktionen oder landwirtschaftliche Geräte verarbeitet haben. Das Bild eines modernen Schreiners, der hauptsächlich Möbel herstellt, wäre dagegen zu eng gefasst.

Dass Markus auch Jesus als Handwerker bezeichnet, spricht dafür, dass er vor seinem öffentlichen Wirken einen solchen Beruf ausübte. Möglicherweise erlernte er ihn von Josef, wie es in vielen Familien üblich war.

Hatte Jesus Brüder und Schwestern?

Besonders interessant fand ich, dass die Evangelien von einer größeren Familie Jesu berichten.

Markus nennt vier Brüder ausdrücklich beim Namen: Jakobus, Joses, Judas und Simon. Außerdem erwähnt er Schwestern.

Einer dieser Brüder, Jakobus, ist historisch besonders gut bezeugt. Paulus berichtet, dass er ihn persönlich getroffen habe. Später gehörte Jakobus zu den führenden Persönlichkeiten der frühen christlichen Gemeinde in Jerusalem.

Auch der jüdische Historiker Flavius Josephus erwähnt Jakobus. Er berichtet, dass der Bruder Jesu im Jahr 62 n. Chr. auf Veranlassung des Hohenpriesters hingerichtet wurde.

Doch waren die genannten Geschwister tatsächlich weitere Kinder von Maria und Josef?

Viele Bibelwissenschaftler verstehen die entsprechenden Stellen als Hinweise auf leibliche Geschwister Jesu. Andere christliche Traditionen betrachten sie als Kinder Josefs aus einer früheren Ehe oder als nahe Verwandte.

Die Vorstellung von Josefs früherer Ehe findet sich bereits im Protoevangelium des Jakobus. Sie wurde besonders in der östlichen christlichen Tradition verbreitet.

Der Neutestamentler Richard Bauckham hält die Deutung als Cousins für weniger wahrscheinlich. Zwischen gemeinsamen Kindern von Maria und Josef und Kindern Josefs aus einer früheren Ehe lässt sich seiner Einschätzung nach anhand der erhaltenen Quellen nicht sicher entscheiden.

Warum verschwindet Josef aus der Geschichte?

Während Maria auch im späteren Leben Jesu erwähnt wird, tritt Josef nach den Kindheitserzählungen nicht mehr selbst auf.

Lukas berichtet noch von Jesu Vater, als Jesus zwölf Jahre alt ist und mit seinen Eltern den Jerusalemer Tempel besucht. Danach fehlt Josef in den Erzählungen über Jesu öffentliches Wirken.

Eine verbreitete Vermutung lautet deshalb, dass Josef bereits verstorben war. Dazu passt auch, dass Jesus laut Johannes am Kreuz seine Mutter einem seiner Jünger anvertraute.

Wann Josef starb, berichten die frühen Quellen nicht.

Was geschah später mit Maria?

Maria begegnet uns auch in den Erzählungen über den erwachsenen Jesus.

Johannes berichtet von ihrer Anwesenheit bei der Hochzeit in Kana und später bei Jesu Kreuzigung. Markus erwähnt, wie Maria gemeinsam mit Jesu Brüdern nach ihm suchen ließ.

Nach Jesu Tod erscheint Maria noch einmal in der Apostelgeschichte. Dort gehört sie zu den Anhängern Jesu, die sich in Jerusalem zum gemeinsamen Gebet versammeln.

Danach verlieren sich ihre Spuren in den frühesten christlichen Schriften.

Spätere Überlieferungen verbinden Marias Lebensende mit Jerusalem oder Ephesus in der heutigen Türkei. Beide Orte entwickelten sich zu wichtigen christlichen Pilgerstätten.

Woher stammt unser heutiges Bild von Maria und Josef?

Viele Vorstellungen, die heute selbstverständlich erscheinen, stammen nicht aus den biblischen Evangelien.

Besonders einflussreich war das bereits erwähnte Protoevangelium des Jakobus. Darin erhalten Marias Eltern die Namen Joachim und Anna. Die Schrift erzählt außerdem, dass Maria als kleines Mädchen in den Jerusalemer Tempel gebracht wurde und dort aufwuchs.

Später wird Josef ausgewählt, um sie in seine Obhut zu nehmen.

Diese Geschichten zeigen, wie sich Christen des zweiten Jahrhunderts das Leben Marias und Josefs vorstellten. Zugleich geben sie Einblick in die Fragen, die sie beschäftigten: Wer waren Marias Eltern? Wie war sie aufgewachsen? Und welche Rolle spielte Josef in ihrem Leben?

Über spätere Erzählungen, religiöse Feste und Kunstwerke verbreiteten sich solche Vorstellungen weiter. So wurde aus den wenigen Informationen der frühen christlichen Schriften nach und nach das vertraute Bild der Heiligen Familie.

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