Irgendetwas stimmt nicht. Vielleicht schreibt dein Freund nicht mehr zurück. Vielleicht zieht er sich zurück, wirkt leer, sagt Dinge wie „Es hat sowieso keinen Sinn.“ Vielleicht weißt du schon, dass er Depressionen hat – oder du ahnst es nur.

Und jetzt stehst du da und fragst dich: Was kann ich tun?

Vorab eine wichtige Klarstellung: Dieser Artikel ist für alle, die jemanden mit Depressionen begleiten möchten. Was du aber wissen solltest: Depressionen sind eine Erkrankung – und um Depression zu behandeln, braucht dein Freund professionelle medizinische und therapeutische Hilfe. Was du tun kannst, ist trotzdem enorm wichtig: da sein, begleiten, nicht allein lassen. Das ist keine kleine Sache. Aber es ist etwas anderes als heilen. Das kannst du nicht. Und die Verantwortung musst du dir auch nicht aufladen.

Depressionen sehen nicht so aus wie im Film

Ein junger Mann mit dunklem Kapuzenpullover sitzt auf einem Sofa. Er schaut traurig nach unten.

Ständig am Weinen. Den ganzen Tag im Bett. Vorhänge zu. So stellen wir uns Depressionen oft vor. Die Realität ist aber meistens ganz anders.

Viele Menschen mit Depressionen funktionieren nach außen. Sie gehen zur Arbeit, sie lachen, sie machen Pläne. Und gleichzeitig fühlen sie sich innerlich taub, abgeschnitten, leer. Nicht einfach ein bisschen traurig – leer. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Elder Erich W. Kopischke, ein Kirchenführer, sprach bei einer Generalkonferenz der Kirche Jesu Christi öffentlich über die Depressionen seines eigenen Sohnes und die Herausforderungen der eigenen Familie dadurch. Er beschreibt es so:

„Schon bald war [mein Sohn] ohne jede Hoffnung und wurde von tiefen Schuldgefühlen geplagt. Er fühlte sich nicht mehr angenommen, sondern geistig wie taub. Wiederkehrende Todesgedanken verzehrten ihn zusehends.”

Eine stille, erschöpfte Leere. Intrusive Gedanken, die sich nicht abschalten lassen. Das geht vielen Menschen mit Depression so. Und dazu kommt auch noch das Gefühl, selbst schuld daran zu sein oder es selbst im Griff haben zu müssen. „Viele fühlen sich überfordert, da sie dem, was sie als die Maßstäbe betrachten, nicht gerecht werden”. Elder Kopischke aber hält fest:

„Herausforderungen deuten oft darauf hin, dass wir zusätzliche Hilfen und Unterstützung benötigen, und sind kein Zeichen von Charakterschwäche.”

Dein Freund hat sich Depressionen nicht ausgesucht.

Was du besser nicht sagst

Gut gemeint hilft nicht immer. Manche Sätze, die aus echter Fürsorge kommen, landen falsch. Hier die häufigsten:

„Reiß dich doch zusammen.“ Wenn das ginge, hätte dein Freund es längst getan. Depressionen sind keine Frage des Willens.

„Bete einfach mehr.“ Glaube kann eine echte Kraftquelle sein – aber als erster Satz klingt das wie ein Vorwurf. Als ob dein Freund einfach zu wenig Glauben hätte. Das ist weder fair noch hilfreich.

„Du hast doch so viel, wofür du dankbar sein könntest.“ Stimmt vielleicht. Ändert trotzdem nichts an der Erkrankung.

Was zählt – wenn du einem Freund mit Depressionen helfen willst

Eine Frau legt einer anderen, die traurig nach unten schaut, die Hand auf die Schulter und schaut sie an.

Du musst kein Therapeut sein. Du musst keine Antworten haben. Du musst die Depressionen deines Freundes nicht lösen.

Erich Kopischke beschreibt, was seiner Familie in der schwersten Zeit am meisten gegeben hat:

„Nie zuvor war ich mit so viel Liebe überschüttet worden. Nie zuvor habe ich machtvoller und auf so persönliche Weise verspürt, was es heißt, diejenigen zu trösten, die des Trostes bedürfen. Unsere Familie wird für diese Überschüttung mit Liebe immer dankbar sein.“

Was ihm und seiner Familie dabei am meisten geholfen hat, waren nicht gute Ratschläge. Für ihn zeigte sich diese Lieber durch Anwesenheit. Von Menschen, die einfach geblieben sind. Konkret für dich bedeutet dasals Tipp an dich, der du einen Freund mit Depressionen hast: für ihne da sein, auch ohne Worte. Weniger reden, mehr zuhören – wie Elder Kopischke es direkt formuliert:

„Das bedeutet für gewöhnlich, weniger zu reden und viel, viel mehr zuzuhören. Wir müssen sie lieben, stärken und für ihre Bemühungen, erfolgreich und Gott treu zu sein, oft loben. Schließlich müssen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um ihnen nahe zu bleiben – genauso wie wir Gott nahe bleiben.“

Und konkret anbieten statt vage lassen. „Melde dich, wenn du etwas brauchst” klingt gut – aber wer Depressionen hat, meldet sich selten. Besser: „Ich bringe morgen Abend etwas zu essen vorbei.“ Oder: „Ich begleite dich zum Arzt – wann passt es dir?“.

Gott kennt diese Dunkelheit

Judas küsst Jesus auf die Wange und verrät ihn dadurch

Wer aus dem Glauben heraus begleitet, bringt etwas mit, das kein Ratgeber ersetzen kann: die Überzeugung, dass dieser Mensch gesehen wird – auch jetzt. Elder Kopischke hält das fest:

„Der Erretter [liebt] alle Kinder seines Vaters. Er weiß ganz genau, wie sich die Schmerzen und inneren Kämpfe anfühlen, die viele Menschen bewältigen müssen, weil sie an den unterschiedlichsten Formen seelischer Erkrankungen leiden.“

Christus kennt Dunkelheit von innen. Er hat gelitten – nicht als Beobachter. Und er wartet nicht, bis es deinem Freund besser geht, bevor er ihn liebt. Erich Kopischke greift einen Gedanken eines älteren Kirchenführers auf, der weit über Eltern hinausgeht:

„Betet für eure … Kinder; haltet sie mit eurem Glauben fest.“

Jemanden mit Glauben festhalten. Das bedeutet: Ich trage die Hoffnung für dich, bis du sie wieder selbst tragen kannst.

Du darfst auch auf dich schauen

Einen Freund mit Depressionen zu begleiten, kann dich selbst belasten. Die Sorge. Die Ohnmacht. Die Erschöpfung, wenn du immer erreichbar bist.

Du darfst Grenzen setzen. Das ist keine Kälte – das ist Ehrlichkeit. Ein Freund, der sich selbst aufopfert und dann zusammenbricht, hilft langfristig niemandem. Wenn du merkst, dass dich die Depressionen deines Freundes zu sehr runterziehen – sprich mit jemandem darüber. Mit einem anderen Freund, einem Seelsorger, einem Therapeuten. Du musst das nicht alleine tragen.

Und manchmal – nach langen, zermürbenden Versuchen – kann es auch richtig sein, Abstand zu nehmen. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil du selbst Hilfe brauchst. Das ist menschlich. Und es ist in Ordnung.

Wenn professionelle Hilfe unumgänglich ist

Zwei Frauen unterhalten sich. Eine der Frauen scheint eine Psychologin zu sein

Es gibt Momente, in denen Freundschaft nicht ausreicht – und das ist keine Niederlage. Wenn dein Freund Gedanken äußert, sich etwas anzutun, oder sagt, er sehe keinen Ausweg mehr, ist professionelle Hilfe keine Option unter vielen – sie ist dringend. Und du kannst dabei helfen: nicht nur auf die Hilfe zeigen, sondern den Weg mitgehen.

In der Schweiz: Die Dargebotene Hand unter 143 – rund um die Uhr. In Deutschland: Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 – kostenlos, 24/7. In Österreich: Telefonseelsorge unter 142.

Du kannst die Dunkelheit nicht vertreiben – und das ist okay

Du kannst deinem Freund die Depressionen nicht nehmen. Kein Mensch kann das für einen anderen.Aber du kannst deine Seite tun: da sein, nahe bleiben, nicht aufgeben. Und aus dem Glauben heraus: für ihn hoffen und beten, auch wenn er es selbst gerade nicht kann. 

Elder Kopischke schreibt am Ende seiner Ansprache:

„Tun Sie alles, was in Ihrer Macht liegt, und stehen Sie dann ruhig, ‘um die Errettung Gottes zu sehen und dass sein Arm offenbar werde’“

Gott verspricht uns nicht, dass alle Probleme in diesem Leben gelöst werden. Wir geben unser Bestes. Wie das aussieht, wissen nur wir selbst. Den Rest überlassen wir Gott. 


Quelle: Elder Erich W. Kopischke, „Der Umgang mit dem Thema psychische Gesundheit“, Herbst-Generalkonferenz 2021, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

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