Es gibt Menschen, bei denen Nächstenliebe ziemlich einfach ist.

Die Freundin, die immer für dich da ist. Der Kollege, mit dem du dich sofort verstehst. Menschen, die dir zuhören, dich zum Lachen bringen und ungefähr so ticken wie du.

Und dann gibt es die anderen.

Den Menschen, der immer nur von sich erzählt. Die Person im Gruppenchat, bei deren Nachrichten du innerlich schon die Augen verdrehst. Den Kollegen, der dich ständig nervt. Oder jemanden, dessen Ansichten du überhaupt nicht nachvollziehen kannst.

Genau da wird Nächstenliebe im Alltag umzusetzen interessant. Denn was bedeutet es eigentlich, seinen Nächsten zu lieben, wenn man ihn nicht besonders sympathisch findet?

Nächstenliebe bedeutet nicht, jeden zu mögen

Vielleicht hilft zunächst eine wichtige Unterscheidung: Du musst nicht jeden Menschen mögen.

Auch Nächstenliebe im Alltag bedeutet nicht, dass du mit jedem befreundet sein musst. Du darfst Grenzen setzen. Du darfst widersprechen. Und du musst schlechtes oder verletzendes Verhalten nicht akzeptieren.

Christliche Nächstenliebe geht tiefer.

Sie beginnt dort, wo wir einem Menschen seinen Wert nicht absprechen – auch dann nicht, wenn er uns anstrengt.

Jesus Christus sagte:

„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Johannes 13:34)

Das ist ein ziemlich hoher Maßstab. Jesus sagt nicht: Liebt die Menschen, mit denen ihr gut klarkommt. Er macht unsere Liebe nicht davon abhängig, wie angenehm unser Gegenüber ist.

Wer ist eigentlich mein Nächster?

Diese Frage wurde Jesus tatsächlich gestellt.

Daraufhin erzählte er die Geschichte vom barmherzigen Samariter in Lukas 10: Ein Mann wird überfallen, ausgeraubt und schwer verletzt am Straßenrand zurückgelassen. Mehrere Menschen kommen vorbei. Sie sehen ihn – und gehen weiter.

Dann kommt ein Samariter.

Ausgerechnet ein Samariter. Zwischen Juden und Samaritern bestanden damals tiefe religiöse und gesellschaftliche Spannungen. Trotzdem bleibt dieser Mann stehen. Er versorgt die Wunden des Verletzten, bringt ihn an einen sicheren Ort und kümmert sich darum, dass er versorgt wird.

Am Ende fragt Jesus nicht: „Welcher Mensch gehört zu deinen Nächsten?“

Er fragt sinngemäß: Wer hat sich diesem verletzten Menschen gegenüber als Nächster erwiesen?

Plötzlich geht es nicht mehr darum, wer unsere Hilfe verdient. Es geht darum, wer wir sein wollen.

Nächstenliebe im Alltag ist oft ziemlich unspektakulär

Wahrscheinlich liegt auf deinem täglichen Weg niemand verletzt am Straßenrand.

Gelegenheiten zur Nächstenliebe gibt es trotzdem genug.

Vielleicht sitzt jemand in der Uni meistens allein. Vielleicht merkst du, dass ein Freund plötzlich stiller geworden ist. Vielleicht wird in einer Gruppe über jemanden gelästert und du entscheidest dich, nicht mitzumachen.

Oder jemand erzählt dir etwas, während du eigentlich aufs Handy schauen möchtest – und du legst es trotzdem weg.

Nächstenliebe im Alltag besteht oft aus Dingen, die niemand sonst bemerkt.

Dieter F. Uchtdorf hat es einmal sehr praktisch formuliert: 

„Achten Sie, heilen Sie und stärken Sie Ihre Mitmenschen.“

Er fordert außerdem dazu auf, anderen mit Mitgefühl zu begegnen – sogar Menschen, die unfreundlich zu uns sind.

Das klingt schön. In der Realität kann es ziemlich herausfordernd sein.

Denn Nächstenliebe kostet manchmal etwas: Zeit. Aufmerksamkeit. Geduld. Vielleicht sogar den eigenen Stolz.

Wie viel Liebe bleibt übrig, wenn jemand schwierig wird?

Es ist leicht, liebevoll zu sein, wenn Liebe zurückkommt. Schwieriger wird es, wenn jemand uns enttäuscht, ignoriert oder nervt.

Gerade dann zeigt sich wahre Nächstenliebe im Alltag.

Nicht unbedingt in einem großen Gefühl. Manchmal besteht sie schlicht in der Entscheidung, respektvoll zu bleiben. Nicht zurückzuschlagen. Nicht jedes Gerücht weiterzuerzählen. Noch einmal zuzuhören. Oder sich zu fragen:

Was braucht dieser Mensch gerade – und kann ich etwas dazu beitragen?

Das bedeutet übrigens nicht, dass wir uns ausnutzen lassen müssen. Liebe und gesunde Grenzen schließen sich nicht aus.

4 kleine Dinge, die du ausprobieren kannst

1. Leg dein Handy weg.
Wenn dir jemand etwas erzählt, schenke ihm für ein paar Minuten deine volle Aufmerksamkeit. Wirklich zuzuhören ist eine einfache Form von Wertschätzung.

2. Schreib der Person, an die du gerade denkst.
Nicht später. Eine kurze Nachricht wie „Wie geht es dir eigentlich?“ kann mehr bedeuten, als du ahnst.

3. Tu etwas, wofür du keine Anerkennung bekommst.
Hilf jemandem, ohne davon zu erzählen. Vielleicht ist genau das ein guter Test dafür, warum du es tust.

4. Sei freundlich zu jemandem, den du schwierig findest.
Du musst daraus keine Freundschaft machen. Ein ehrliches Lächeln, eine hilfreiche Geste oder ein respektvolles Gespräch reichen für den Anfang.

Wen könntest du heute sehen?

Vielleicht beginnt Nächstenliebe im Alltag nicht mit der Frage: Wie kann ich alle Menschen mehr lieben?

Das wäre ziemlich überwältigend.

Vielleicht beginnt sie viel kleiner:

Wer ist heute vor mir?

Jesus erzählt nicht von einem Samariter, der die ganze Welt rettet. Er erzählt von einem Menschen, der einen anderen Menschen sieht – und nicht weitergeht.

Schau dich heute einmal bewusst um.

Vielleicht braucht jemand keine große Lösung von dir.

Vielleicht braucht er einfach einen Menschen, der stehen bleibt.

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