Jesu Wirken in der Geisterwelt

Was geschah mit Jesus Christus zwischen seiner Kreuzigung und seiner Auferstehung? Sein Körper lag im Grab – doch sein Geist war nicht untätig. Das Neue Testament, frühchristliche Überlieferungen und neuzeitliche Offenbarungen berichten davon, dass der Erretter in die Welt der Geister ging. Doch was bedeutet das? Und warum predigte Jesus den Toten? Die Antwort offenbart viel über Gottes Barmherzigkeit, seine Gerechtigkeit und seinen Plan für alle Menschen.

Was sagt das Neue Testament über die Geisterwelt?

Einen der deutlichsten biblischen Hinweise finden wir im ersten Brief des Petrus:

„Denn auch Toten ist das Evangelium dazu verkündet worden, dass sie zwar wie Menschen gerichtet werden im Fleisch, aber wie Gott das Leben haben im Geist.“ (1. Petrus 4:6)

An anderer Stelle schreibt Petrus, Christus sei hingegangen und habe „den Geistern.., die im Gefängnis waren” gepredigt (siehe 1. Petrus 3:18–20).

Diese Verse deuten darauf hin, dass das Wirken Jesu mit seinem Tod nicht endete. Während sein Körper im Grab lag, ging sein Geist in die Welt der Verstorbenen. Dort verkündete er die Erlösung, die durch sein Sühnopfer und seine bevorstehende Auferstehung möglich geworden war.

Auch die Worte Jesu an den Verbrecher am Kreuz weisen auf ein bewusstes Weiterleben nach dem Tod hin:

„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23:43)

Die Geisterwelt ist demnach kein Ort des Vergessens. Das Leben geht weiter – ebenso Gottes Wirken an seinen Kindern.

Eine wichtige Lehre der frühen Christen

Der Abstieg Christi in das Reich der Toten spielte im frühen Christentum eine bedeutende Rolle. Bis heute findet sich dieser Glaube im Apostolischen Glaubensbekenntnis, in dem es über Christus heißt, er sei „hinabgestiegen in das Reich des Todes“.

Auch außerbiblische christliche Schriften griffen dieses Thema auf. Besonders bildhaft schildert das später entstandene Evangelium des Nikodemus den Sieg Christi über das Totenreich. Darin zerbricht der Erretter die Tore des Todes, ergreift Adam bei der Hand und führt die Gerechten ins Licht.

Das Evangelium des Petrus enthält ebenfalls einen Hinweis auf die Verkündigung an die Verstorbenen. In den Oden Salomos wird poetisch beschrieben, wie die Macht des Todes vor Christus zerbricht und Gefangene befreit werden.

Diese Schriften gehören nicht zum biblischen Kanon und sind daher nicht mit dem Neuen Testament gleichzusetzen. Sie zeigen jedoch, wie verbreitet der Glaube an das Wirken Christi unter den Toten in Teilen des frühen Christentums war.

Ein Missionswerk auf der anderen Seite des Schleiers

Wie konnte Jesus den unzähligen Verstorbenen das Evangelium verkünden? Besuchte er jeden von ihnen persönlich?

Eine Antwort darauf findet sich in einer Offenbarung, die Joseph F. Smith, der sechste Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, am 3. Oktober 1918 empfing. Seine Vision ist heute in Lehre und Bündnisse 138 festgehalten.

Joseph F. Smith sah die Geister der Gerechten, die voller Freude auf die Ankunft des Erretters warteten. Christus erschien ihnen und verkündete ihnen die Erlösung. Zu den Menschen, die zu Lebzeiten ungehorsam gewesen waren, ging er jedoch nicht persönlich.

Stattdessen organisierte er unter den Gerechten Boten:

„siehe, aus den Rechtschaffenen stellte er seine Kräfte zusammen und bestimmte Boten, angetan mit Macht und Vollmacht, und gab ihnen den Auftrag, hinzugehen und das Licht des Evangeliums denen zu bringen, die in Finsternis waren, ja, zu allen Menschengeistern; und so wurde den Toten das Evangelium gepredigt.“ (Lehre und Bündnisse 138:30)

Das Wirken Christi in der Geisterwelt war somit nicht nur eine einzelne Predigt. Er setzte ein geordnetes Missionswerk in Gang, das bis heute fortgeführt wird. Die Verstorbenen können das Evangelium hören, Glauben entwickeln, umkehren und sich dafür entscheiden, Jesus Christus nachzufolgen.

Interessanterweise findet sich ein ähnlicher Gedanke bereits in der frühchristlichen Schrift Der Hirte des Hermas. Dort wird berichtet, dass verstorbene Apostel und Lehrer ihre Verkündigung unter den Toten fortsetzten. Auch wenn solche Texte keine verbindliche Lehre begründen, zeigen sie, dass die Vorstellung eines Missionswerks unter den Verstorbenen nicht erst in der Neuzeit entstanden ist.

Warum predigte Jesus den Toten?

Jesus hilft einem älteren Mann aufzustehen.
Bild: MehrGlaube

Jesus predigte den Toten, weil Gottes Erlösungswerk alle Menschen umfasst.

Milliarden Menschen lebten und starben, ohne jemals von Jesus Christus gehört zu haben. Andere kannten das Evangelium nur in einer entstellten Form oder hatten keine wirkliche Möglichkeit, es zu verstehen und anzunehmen. Es wäre weder gerecht noch barmherzig, sie allein deshalb von Gottes Segnungen auszuschließen.

Die Verkündigung des Evangeliums in der Geisterwelt zeigt: Kein Mensch wird aufgrund seines Geburtsortes, seiner Lebenszeit oder seiner persönlichen Umstände benachteiligt. Jeder erhält eine echte Möglichkeit, Jesus Christus kennenzulernen und sich frei für oder gegen ihn zu entscheiden.

Das bedeutet nicht, dass nach dem Tod jede Entscheidung bedeutungslos wird. Unser Leben auf der Erde bleibt wichtig. Doch Gottes Möglichkeiten enden nicht an der Grenze des Todes.

Die Verbindung zur Taufe für Verstorbene

In der Geisterwelt können Menschen das Evangelium annehmen. Bestimmte heilige Handlungen wie die Taufe müssen jedoch mit einem sterblichen Körper vollzogen werden. Deshalb werden in den Tempeln der Kirche stellvertretende Taufen für Verstorbene durchgeführt.

Schon Paulus erwähnte eine Taufe für die Toten:

„Wie kämen sonst einige dazu, sich für die Toten taufen zu lassen? Wenn Tote gar nicht auferweckt werden, warum lässt man sich dann taufen für sie?“ (1. Korinther 15:29)

Eine stellvertretende Taufe zwingt den Verstorbenen zu nichts. Sie bietet ihm lediglich die Möglichkeit, diese heilige Handlung in der Geisterwelt anzunehmen oder abzulehnen. Gottes Plan achtet damit sowohl die Entscheidungsfreiheit des Menschen als auch die Notwendigkeit der von Christus eingesetzten Bündnisse.

Hoffnung über den Tod hinaus

Die Lehre vom Wirken Jesu in der Geisterwelt schenkt besonders denjenigen Hoffnung, deren Angehörige ohne eine erkennbare Beziehung zu Christus gestorben sind. Sie sind nicht vergessen und nicht außerhalb der Reichweite seiner Gnade.

Jesus Christus hat nicht nur den Tod überwunden. Er sorgte auch dafür, dass die Botschaft seiner Erlösung diejenigen erreicht, die sie während ihres Erdenlebens nicht kennenlernen konnten.

Darum predigte Jesus den Toten: weil sein Sühnopfer für alle Menschen vollbracht wurde und weil Gottes Plan vollkommen gerecht und barmherzig ist. Niemand wird übergangen. Niemand ist vergessen. Und selbst der Tod kann Christus und sein Erlösungswerk keine Grenze setzen.

Quelle: Nach Scripturecentral

Das könnte dich auch interessieren