Zwei Kinder. Eine Ehe, die deine Aufmerksamkeit verdient. Ein Kurs in der Uni, dessen Aufgaben bis Freitag erledigt sein müssen. Ein Job, der Montag um 8 Uhr beginnt. Eine Berufung in der Kirche, die nicht nur am Sonntag deine Zeit braucht.

Kommt dir das bekannt vor?

Wenn du schon einmal auf dein Leben geschaut und gedacht hast: „Ich muss einfach eine bessere Balance finden“, bist du nicht alleine. Die meisten Menschen verbringen Jahre damit, diesem schwer erreichbaren Gleichgewicht hinterherzulaufen: der Vorstellung, dass sie allem die Aufmerksamkeit geben könnten, die es verdient, wenn sie nur ihre Zeit etwas besser einteilten, sich etwas besser organisierten oder etwas weniger schliefen.

Doch hier ist die Wahrheit, die dir vielleicht niemand sagt: Eine perfekte Balance gibt es nicht. Und je früher du das akzeptierst, desto freier wirst du sein.

Der Mythos von der Balance

Wir neigen dazu zu glauben, dass Balance das Ziel ist. Dass ein wirklich erfolgreicher und gut organisierter Mensch jedem Lebensbereich die gleiche Aufmerksamkeit schenkt – Familie, Arbeit, Gesundheit, Beziehungen und Glaube – und das alles gleichzeitig schafft, ohne dass irgendwo etwas zu kurz kommt.

Aber überlege einmal, wie das in der Realität aussieht.

Wenn du bei der Schulaufführung deines Kindes vollkommen präsent bist, beantwortest du gerade keine E-Mails von der Arbeit. Wenn du dich auf eine wichtige Aufgabe im Beruf konzentrierst, hilfst du nicht gleichzeitig bei den Hausaufgaben. Wenn du im Fitnessstudio bist, kochst du gerade kein Abendessen.

Du bist ein Mensch. Du hast ein Gehirn. Und du kannst dich wirklich immer nur an einem Ort und bei einer Sache gleichzeitig befinden.

Elder David A. Bednar vom Kollegium der Zwölf Apostel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat es in einem auf Facebook veröffentlichten Video ganz direkt ausgedrückt:

„Hört auf, euch darüber Sorgen zu machen, denn so etwas wie Balance gibt es nicht. Sie existiert nicht.“

Das ist keine pessimistische Aussage. Im Gegenteil: Es ist eine der befreiendsten Erkenntnisse, die du gewinnen kannst.

Was beim „Multitasking“ tatsächlich passiert

Auch die Wissenschaft bestätigt diesen Gedanken. Die Neuropsychologin Cynthia Kubu, PhD, von der Cleveland Clinic erklärt es ganz einfach:

„Wir sind eigentlich darauf ausgerichtet, nur eine Aufgabe gleichzeitig zu erledigen. Das bedeutet, dass unser Gehirn sich immer nur auf eine Aufgabe konzentrieren kann. Wenn wir glauben, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, tun wir in Wirklichkeit meistens nicht zwei Dinge gleichzeitig. Stattdessen führen wir einzelne Handlungen schnell nacheinander aus – wir wechseln also zwischen verschiedenen Aufgaben.“

Eine neuere Studie, die 2026 im Quarterly Journal of Experimental Psychology veröffentlicht wurde (Professor Torsten Schubert), kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Selbst umfangreiches Training führt nicht dazu, dass das menschliche Gehirn zwei Aufgaben tatsächlich gleichzeitig ausführt. Schon kleine Abweichungen von gewohnten Abläufen können außerdem dazu führen, dass die Fehlerquote deutlich steigt.

Mit anderen Worten: Du bist nicht schlecht darin, Balance zu finden. Niemand ist wirklich gut darin – denn unser Gehirn funktioniert so nicht.

Und lange bevor die Neurowissenschaft dies bestätigt hat, sagte Jesus Christus etwas, das direkt den Kern dieser Frage trifft:

„Niemand kann gleichzeitig zwei […] Herren dienen.“ – Matthäus 6:24

Unsere Aufmerksamkeit – echte, ungeteilte Aufmerksamkeit – kann immer nur auf eine Sache zur gleichen Zeit gerichtet sein.

Die eigentliche Antwort: bewusster Fokus statt Balance

Wenn es also keine Balance gibt – was gibt es dann?

Die Antwort von Elder Bednar ist bemerkenswert praktisch:

„Wir können immer nur eine Sache zu einem bestimmten Zeitpunkt tun. Wenn ich also gerade bei meiner Familie bin, vernachlässige ich die Kirche, meine Arbeit und vielleicht sogar mich selbst. Wenn ich Sport treibe, vernachlässige ich andere Dinge. Und wir können uns selbst verrückt machen, wenn wir uns in jedem Augenblick über all die Dinge Gedanken machen, die wir gerade nicht tun. Dann schaffen wir am Ende nichts von dem, was wirklich wichtig ist. Wenn ich zu Hause bin, muss ich zu Hause sein. Wenn du in der Kirche dienst, dann sei ganz bei deinem Dienst.“

Der entscheidende Perspektivwechsel ist subtil, aber machtvoll:

Statt zu versuchen, allem jederzeit ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken, schenkst du einer Sache deine ganze Aufmerksamkeit – und wechselst anschließend bewusst zur nächsten.

Stell dir einen Artisten vor, der Teller auf Stäben in Bewegung hält. Er sorgt nicht dafür, dass alle Teller gleichzeitig mit genau derselben Kraft in Bewegung bleiben – das kann er gar nicht. Er bringt einen Teller zum Drehen, geht zum nächsten, kehrt zum ersten zurück, bevor er herunterfällt, und macht so weiter.

Die Teller müssen nicht alle in derselben Sekunde Aufmerksamkeit bekommen. Sie müssen nur rechtzeitig wieder Aufmerksamkeit bekommen, bevor sie aufhören, sich zu drehen.

Elder Bednar hat es so formuliert:

„Identifiziere die zwei, drei oder vier wichtigsten Prioritäten in deinem Leben. Und dann sorge dafür, dass du immer wieder rechtzeitig zu jeder einzelnen zurückkehrst, damit sie die Aufmerksamkeit bekommt, die sie braucht.“

Was du tatsächlich tun kannst

Hier sind einige praktische Schritte, die dir helfen können, dich von der Jagd nach Balance hin zu einem bewussten Fokus zu bewegen:

1. Benenne deine „Teller“ – und sei ehrlich, wie viele du hast

Schreibe alles auf, was gerade um deine Aufmerksamkeit konkurriert.

Schau dir diese Liste anschließend an und frage dich: Was davon ist wirklich unverzichtbar?

Präsident Dallin H. Oaks hat gelehrt:

„Die Menge des Guten, was wir tun könnten, beansprucht weit mehr Zeit, als uns dafür zur Verfügung steht […]. Wir müssen auf einige gute Dinge verzichten, um andere zu wählen, die besser oder am besten sind“ (Generalkonferenz, Oktober 2007).

Nicht alles auf deiner Liste verdient einen eigenen Teller.

2. Wenn du irgendwo bist, sei ganz dort

Wenn du mit deinen Kindern zusammen bist, leg das Handy weg.

Wenn du arbeitest, dann arbeite.

Wenn du dich ausruhst, dann ruhe dich wirklich aus.

Präsenz ist kein Luxus. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass etwas wirklich Bedeutung bekommt.

3. Erlaube dir, einige Teller abzustellen

„Vernachlässigen“ muss nicht unbedingt ein schlechtes Wort sein. Im ursprünglichen Sinn bedeutet es einfach, etwas nicht auszuwählen oder nicht aufzugreifen.

Manche Teller müssen gerade nicht in Bewegung gehalten werden.

Manche Dinge können warten.

Etwas bewusst nicht zu tun, ist kein Versagen. Es ist Fokus.

4. Vereinfache, bevor du optimierst

Schwester Patricia T. Holland sagte einmal:

„Wenn ich auf mein Leben zurückblicke und irgendeinen Teil davon noch einmal leben könnte, würde ich eine Sache anders machen – sehr anders: vereinfachen! Es scheint mir, dass alles besser wird, wenn es einfacher wird.“ (Andacht für junge Erwachsene, Januar 2023)

Bevor du versuchst, noch mehr zu organisieren und noch mehr unterzubringen, frage dich: Kann ich weniger tun – und das dafür besser?

5. Kehre regelmäßig zu dem zurück, was am wichtigsten ist

Balance ist kein Ziel, das du irgendwann erreichst.

Sie ist ein Rhythmus, zu dem du immer wieder zurückkehrst. Überprüfe deine wichtigsten Prioritäten regelmäßig – zum Beispiel jede Woche. Welche Teller beginnen sich langsamer zu drehen? Welcher braucht in dieser Woche deine Aufmerksamkeit?

Was du statt Balance suchen solltest

Die ehrliche Wahrheit ist: Die meisten von uns wollen gar nicht wirklich Balance. Wir wollen Frieden. Wir wollen aufhören, uns wegen all der Dinge schuldig zu fühlen, die wir gerade nicht tun. Wir wollen das Gefühl haben, dass wir genug sind.

Und dieser Frieden entsteht nicht dadurch, dass wir noch mehr tun. Er entsteht dadurch, dass wir zur richtigen Zeit die richtigen Dinge tun – mit voller Aufmerksamkeit und bewusster Absicht.

Elder M. Russell Ballard sagte:

„In dieser Einfachheit finden Sie den Frieden, die Freude und das Glück“ (Generalkonferenz, April 2019).

Du bist ein Mensch. Das ist genug. Konzentriere dich auf das, was gerade am wichtigsten ist, und vertraue darauf, dass das andere warten kann.

Das könnte dich auch interessieren