Leser des Buches Mormon stoßen mehrfach auf Passagen, die sprachlich an das traditionelle christliche Dogma der Trinität erinnern – inhaltlich aber, wie wir gleich sehen werden, etwas ganz anderes meinen. Denn die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage lehrt, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist drei voneinander getrennte, eigenständige Wesen sind – eine Vorstellung, die sich grundlegend von der klassischen Trinitätslehre anderer christlicher Konfessionen unterscheidet, die alle drei als eine einzige untrennbare Substanz begreift. Ein prominentes Beispiel findet sich in 2. Nephi 31:21, wo es heißt, dass der Vater, der Sohn und der Heilige Geist „ein Gott” sind. Doch wie passt diese Dreieinigkeit im Buch Mormon in den Kontext eines antiken Berichts, der Jahrhunderte vor dem Konzil von Nizäa verfasst wurde?

Die moderne Forschung zeigt: Diese Formulierungen sind kein Anachronismus, sondern tief in den kulturellen Traditionen der Alten und Neuen Welt verwurzelt.

Einigkeit in der Absicht: Die „Soziale Dreieinigkeit”

Im Gegensatz zum späteren post-nizänischen Verständnis, das eine Einheit der „Substanz” (griechisch *homoousios*) lehrt, beschreibt das Buch Mormon eine sogenannte soziale Dreieinigkeit. Das bedeutet, dass die drei Mitglieder der Gottheit eigenständige Wesen sind, die jedoch in ihrer Absicht, ihrem Handeln und ihrer Lehre vollkommen eins sind.

Diese Offenbarungen wurden den nephitischen Propheten in ihrer eigenen Sprache und gemäß ihrem kulturellen Verständnis gegeben. Wie Mark Alan Wright feststellt, ist unser Verständnis des Evangeliums oft durch unsere Kultur mitgeprägt.

Antike Parallelen: Ägypten und Mesoamerika

Die Vorstellung von drei göttlichen Wesen, die als eine Einheit betrachtet werden, war in der Antike weit verbreitet. Da wir glauben, dass das Buch Mormon in „reformiertem Ägyptisch” verfasst wurde, ist der Vergleich mit ägyptischen Konzepten besonders aufschlussreich.

Ägyptische Triaden:

Schon im Alten Reich (ca. 2700–2200 v. Chr.) gab es in Ägypten triadische Göttergruppen. Eine Triade bezeichnet eine Gruppe von drei eigenständigen Göttern, die so eng miteinander verbunden sind, dass sie gemeinsam als eine göttliche Einheit verehrt werden. Ein Hymnus auf den Gott Amun aus der Zeit um 1228 v. Chr. erklärt beispielsweise: „Alle Götter sind drei: Amun, Re und Ptah, und es gibt keinen Zweiten neben ihnen.” Ägyptologen sehen darin eine klare Aussage über die Einheit Gottes innerhalb einer Triade.

Mesoamerikanische Götter-Triaden:

Auch in der Neuen Welt finden sich deutliche Parallelen. In großen Maya-Zentren wie Tikal oder Palenque gab es lokale Götter-Triaden, die oft als die prominentesten Gottheiten verehrt wurden. In Tikal ist eine solche Triade bereits für die Mitte des vierten Jahrhunderts n. Chr. belegt – zeitlich nahe an Mormons eigener Lebenszeit und seiner Formulierung, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist „ein Gott” seien (Mormon 7:7).

Für uns als heutige Leser zeigen diese kulturellen Parallelen, dass die Vorstellung einer göttlichen Dreiheit kein Fremdkörper in der antiken Welt war. Bemerkenswert ist dabei, dass die Nephiten aus einer ägyptisch geprägten Welt stammten – also aus einem Kulturkreis, in dem Götter-Triaden bereits fest verankert waren – und in Mesoamerika landeten, wo sie auf dieselbe Denkstruktur trafen. Es ist gut möglich, dass diese kulturelle Kontinuität den Propheten half, Offenbarungen über die Gottheit in Begriffen zu empfangen und weiterzugeben, die ihrer eigenen geistigen Vorstellungswelt entsprachen. 

Warum es keine moderne Erfindung ist

Kritiker behaupten oft, die Dreieinigkeit im Buch Mormon spiegele lediglich den christlichen Trinitarismus des 19. Jahrhunderts wider. Die Quellen widersprechen dem jedoch deutlich 

1. Keine griechische Metaphysik

Im Buch Mormon fehlen die typischen Merkmale der späteren griechischen Theologie, wie etwa die Debatte um die Wesenseinheit.

2. Kein Modalismus

Der Text lehrt keinen Modalismus (die Vorstellung, Gott trete nur in verschiedenen Erscheinungsformen auf), sondern betont stets die individuelle Identität der drei Wesen.

3. Theosynthese

In der Maya-Kultur gab es den Prozess der „Theosynthese”, bei dem verschiedene Götter aufgrund gemeinsamer Attribute zu einer Kategorie zusammengefasst wurden. Dies ähnelt der Art und Weise, wie die nephitischen Propheten die Gottheit als „einen ewigen Gott” beschrieben (Alma 11:44), während sie zugleich die individuellen Identitäten der drei Personen wahrten.

Fazit: Ein antiker Kontext für eine ewige Wahrheit

Die Forschung von Gelehrten wie Stephen Smoot und Kerry Hull zeigt, dass das Konzept einer göttlichen Triade im Buch Mormon gut in das religiöse System Mesoamerikas und die Traditionen Ägyptens passt.

Anstatt ein Fremdkörper zu sein, wird die Dreieinigkeit im Buch Mormon durch diesen antiken Kontext erst richtig verständlich. Sie bietet eine klare und kraftvolle Lehre über die Einheit der Gottheit, die sowohl in antiken Kulturen als auch in moderner Offenbarung fest verankert ist.

Quelle:

Scripture Central, [“Why Does the Book of Mormon Have Trinitarian-Sounding Statements?”], KnoWhy #723 (18. April 2024).

Das könnte dich auch interessieren